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Alt 02.09.2008, 11:10   #1 (permalink)
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Standard Schrei nach Stille - Anne Chaplet

Vergessen ist Gnade und Gefahr zugleich - dieser Ausspruch von Theodor Heuss steht auf der allerersten Seite, vor dem folgenden, dem ersten Kapitel noch vor geschalteten Text:


Das Haus. Es lebt. Es verändert sich von Tag zu Tag.
Es beherbergt Hausgeister. Kobolde. Rebellische Heinzelmänn­chen, die nicht Ordnung machen über Nacht, sondern alles auf den Kopf stellen. Die Möbel verrücken und Gegenstände ver­stecken: die Brille, das Portemonnaie, den Haustürschlüssel. Die den Schreibtisch in Unordnung bringen, Bücher wegräu­men, Bleistifte verschwinden lassen, die Speisekammer plün­dern, das Kleingeld aus dem Zuckertopf stehlen, den Zettel für die Reinigung verstecken.
Das Haus ist alt und böse geworden. Die Bäume haben ihm das Licht geraubt und die Luft genommen. Sie sind zu groß ge­worden. Sie ragen über die Traufe. Sie haben alles, was unter ihnen gedeihen wollte, erstickt.
Die Haustür schließt nicht mehr richtig. Es zieht durch die Fenster im Wintergarten. Die Türen des Kleiderschranks öff­nen sich von allein. Als ob das Haus sich neigte.
Es duckt sich. Es krümmt sich zusammen. Es beginnt, sich selbst zu verschlingen.


Und eben dieser Text war es, der mich persönlich ansprach und mich veranlasste erneut einen Kriminalroman zu lesen.

Genial ist die Beschreibung des Wassertropfen, der nach dem Orkan Kyra, von der Regenrinne aus, seinen Weg sucht und findet, der sich mit andren zusammenschließt, um auf eine in einer Regentonne schwimmende tote Ratte zu fallen, bis diese überläuft und sich weitere Tropfen ihren Weg in die Tiefen des Hauses bahnen, und Sophie mit nackten blutigen Füssen auf dem nassen Boden steht.

Das Buch dass Sophie geschrieben hat – „summer of love“ – ist für sie Bewältigung und Rache zugleich; es ist ihre Geschichte, erlebt in dem Haus dass sie jetzt altersschwach wieder erworben hat und in das sie eingezogen ist, es ist aber auch eine späte Anklage an eine Gesellschaft in der nach 1968 mehr als eine Kluft zwischen den Generationen existierte.

Wieder will man sie nicht haben, damals als sie anders sein wollte, als Generation die das Erbe der Väter nicht annahm und jetzt auch nicht, weil nicht nur ihre Erinnerungen sondern auch die der andren Dorfbewohner, mit einer ruhigen Beständigkeit, wie die Regentropfen ihren Weg nach unten, glühend und vernichtend an die Oberfläche drängen.

....“die Vergangenheit forderte ihr Recht und schimmerte wie eine geheime Botschaft durch den Text. Und begann, ihn auszulöschen. ....“

....“...Ein Palimpsest ist ein Stück beschriebenes Pergament das man abgeschabt hat, um es erneut benutzen zu können. Aber was geschieht, wenn sich die alte Eintragung wieder bemerkbar macht? Sichtbar wird? Mit der neuen Schrift konkurriert? Sie überwältigt? Sie ihrerseits auslöscht? ......“


Wie die Bäume das Haus, erdrücken verdrängte unaufgearbeitet Erinnerungen nun auch das aktuelle Leben im Dorf, nahe bei Frankfurt, ein zwölfjähriger Junge verschwindet, Verdächtigungen, immer noch Vorurteile und doch Hände die gereicht werden. Paul Bremer, ein Mann unentschlossen zwischen zwei Frauen versucht Sophie zu helfen, auch Giorgio Delange, der Kriminalhauptkommisar, der Sophie am Set kennen lernt - der „summer of love“, damals Liebe ohne jede Verantwortung, wird nicht nur verfilmt, sondern beginnt die Beteiligten in die Verantwortung zu nehmen. Schließen sie ein, erdrücken sie, wie die riesigen Bäume das kleine Haus. Denn nicht nur der kleine Luca ist verschwunden auch damals verschwand eine Frau und ein andre brachte sich um.

Das Ende ist mehr als verblüffend, – geschickt verbindet Chaplet eine äusserst menschliche Geschichte mit dem Lebensgefühl der 68er, ohne anzuklagen, feinfühlig und mit gutem Gespür für menschliche Stärken und Schwächen.

Anne Chaplet schafft nicht nur authentisch wirkende Charaktere, sie schreibt mit Herz, Verstand und intuitiv. Sie baut teilweise mit äußerst knappen Sätzen, kurz und schnell hintereinander Stimmung auf und hat wie wenige vor ihr geschafft, dass sich, zumindest mir, während der Lektüre, kurzfristig die Nackenhaare sträubten.


Ein gutes spannendes Buch, Charaktere mit denen sich der Leser identifizieren kann ; der Blick auf die Auswirkungen der 68er auf die folgende Zeit und die Generation die mit den Nachwirkungen aufgewachsen ist, ist geschickt eingebaut und intuitiv bewertet.


Cora Stephan, alias Anne Chaplet wurde am 7. April 1951 in Norddeutschland geboren uns ist in Osnabrück aufgewachsen.
Ihr Studium in Hamburg und Frankfurt schloss sie 1973 mit dem Lehrerexamen ab, danach machte sie noch ein Promotionsstudium der Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre und Geschichte und promovierte 1976 über die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert. Von 1976 bis 1983 war sie Lehrbeauftragte an der Frankfurter Universität und arbeitete freiberuflich als Lektorin, Übersetzerin und Rundfunkmoderatorin. Sie war Redakteurin beim Hessischen Rundfunk und beim Spiegel. Seit 1987 arbeitet sie als Buchautorin, Kolumnistin und Essayistin oder als Vortragende.
Sie hat insgesamt 10 Bücher zu historischen und politischen Themen veröffentlicht, bevor sie 1998 begann, unter ihrem Pseudonym Kriminalromane zu schreiben.



350 Seiten, 19.90 € (D), gebunden
List Verlag
ISBN:
978-3-471-77282-9
Erschienen am 19. August
__________________

Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher sehr ungeeignet,
die Gesellschaft dort aber wäre von Interesse.
(Oscar Wilde)
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Alt 03.09.2008, 15:46   #2 (permalink)
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Daumen hoch Toll Laoghaire!

Manchmal könnt' ich auch nach Stille schreien in dieser lauten Welt!

An dieser Stelle einmal vielen Dank Laoghaire für Deine Bemühungen und interessanten wie nützlichen Zusammenfassungen zu verschiedenen Büchern!!
__________________
kAyTIKEL
Aufgeschnappt
Buchstreusel
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Alt 03.09.2008, 16:44   #3 (permalink)
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Das mache ich sehr gerne, suyak
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Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher sehr ungeeignet,
die Gesellschaft dort aber wäre von Interesse.
(Oscar Wilde)
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Alt 04.10.2008, 16:32   #4 (permalink)
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Ein beeindruckendes Zeugnis des "Summer of Loves

„Das Haus. Es wehrt sich. Es schlägt um sich. Es platzt vor Wut.“
Ein Gefühl von Nostalgie und einer, den Leser scheinbar einholenden Vergangenheit umhüllt dieses Buch.
Ein altes Haus, umgeben von dichtem Blattwerk. Knarrendes Holz und der Duft nach Harz und Regen. Es ist hier, ganz dicht neben uns... es lauert in diesem Buch... das Fremde.
„Das Haus seufzte. Ein kühler Lufthauch zog an ihr vorbei. Sie musste den Geistern opfern.“
Welchen Geistern? Den Schatten der Vergangenheit? Sich selber?

Mit kurzen, sich dem Leser einprägenden Sätzen gelingt es Anne Chaplet eine Spannung und ein Lebensgefühl heraufzubeschwören welches den Leser an das Buch fesselt.
Das Buch erscheint mir primär nicht als Krimi sondern eher als eine erklärte Wertschätzung an den „Summer of Love“ Eine längst vergangene Zeit, voll von einer ungeheuren Magie und Lebensfreude. Nicht nur freie Liebe, sondern auch Freundschaft, Lebenslust und Lebensgier prägten diese Zeit. Dies habe ich dank des Buches verstanden.
Ich bin 1991 geboren und damit entschieden zu jung um die Atmosphäre nachvollziehen zu können. Bislang blieben mir nur Filme, Musikstücke und die Erzählungen von „Zeitzeugen“ dieser länderübergreifenden „Epoche“ um nur annähernd zu verstehen, um was es damals wirklich ging. Freiheit über sich selbst. Loslösung von längst Festgelegtem. Der Abwurf von Ketten und Prinzipien. Jugend! Die Jugend begehrt immer gegen die Erwachsenengeneration und die Eltern auf. Doch 1968 war anders. Ganz anders.

Verpackt in einen sehr anschaulich beschriebenen Krimi, verfolgt der Leser das Leben von verschiedenen Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensauffassungen. Die Geschichte spielt nicht „wirklich“ im Jahre 1968 sondern erzählt im Grunde die „Verarbeitung“ dieser Zeit innerhalb der Grenzen einer kleinen abgeschiedenen und traditionellen Dorfgemeinschaft.
Sophie Winter, lebt in einem alten aber geschichtsträchtigem Haus welches so gar nicht in die geordnete Dorfgemeinschaft passen will. Unausgesprochene Spannungen schweben in der Luft. Was haben die Dörfler gegen Sophie? Was macht sie selber so anders? Was ist echt, aus ihrem vor kurzem veröffentlichtem Buch „Summer of Love“?
Faszinierend finde ich, dass die erzählte Geschichte selber in „Schrei nach Stille“ am häufigsten in jenem Buch „Summer of Love“ auftaucht, bevor sie sich, durch die Gedanken und Erscheinungen Sophies vergegenständlicht und in die neue Zeit hinein versetzt.

„Sie blieb sitzen am Küchentisch, die Katze auf dem Schoß, horchte auf die Atemzüge des Hauses und das Pochen ihres Herzens. Sie saß und saß und starrte hinaus in den Garten. Die Tanne winkte ihr zu, als ob sie ihr etwas sagen wollte.“
Die Seele der Natur erscheint in diesen Momenten als eine Wirklichkeit. Es bleibt bis kurz vor Schluss verborgen was das Gesicht des Hauses und des Gartens einst prägte. Nur Sophie scheint es von Anfang an zu wissen, aber sie wirkt dem Ganzen nicht gewachsen. Ihre Mentalität passt daher, finde ich, genau zu ihrem Wohnsitz.

Durch die häufigen Veränderungen in der Perspektive wird dem Leser eine Art Rund-um-Blick ermöglicht. Lange bleibt der wirkliche Kriminalfall geheim und der Leser kann ungehindert und unbeachtet der erst später folgenden „Verbindungen“ und „Verstrickungen“ in die geschilderte Atmosphäre eintauchen. Eine Atmosphäre gespickt von beängstigender Harmonie zwischen Leblosem und Lebendem, einer einflussreichen Vergangenheit und ihrer Gegenwart.
„Schrei nach Stille“ ist ein gelungenes und ein wirklich „anderes“ Buch über das Ende der 1960er.
__________________
Die mini von Laoghaire!
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