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| Administrator Forum-Inventar Registriert seit: 20.04.2002 Ort: Erfurt
Beiträge: 2.474
| Das Labyrinth der Wörter Ein Buch über das Gärtnern, das Denken, Freundschaft und das Leben An einem Montag lernt Germain Margueritte im Park kennen. Die zierliche alte Dame zählt gerne die Tauben. Eine Lieblingsbeschäftigung auch von Germain. Und so sprechen sie miteinander. Tage darauf treffen sie im Park zufällig wieder aufeinander. Beim dritten Mal liest Margueritte Germain aus Die Pest von Albert Camus vor. Die Begegnung mit Margueritte verändert Germains Leben: “Was für mich auch neu ist: Vor Margueritte habe ich noch nie jemanden geliebt. Ich rede nicht von sexuellen Dingen, ich rede von Gefühlen, ohne dass man gleich im Bett landet. Zärtlichkeit und Zuneigung, Vertrauen.” Germain beginnt, sich Fragen über sich und das Leben zu stellen. Er denkt nach, und durch Margueritte entdeckt er die Lust am Lesen. In Das Labyrinth der Wörter erzählt die Französin Marie-Sabine Roger die Geschichte einer zarten Freundschaft zwischen dem ungebildeten 45-jährigen Germain und der kulitiverten 86-jährigen Margueritte. Germain ist nicht gerade vom Glück verfolgt. Sein Vater war lediglich der Erzeuger. Seine Mutter spinnt etwas und macht ihm das Leben durch ihre Härte und Gleichgültigkeit schwer: “Meine Mutter lebt dreißig Meter von mir entfernt. Sie im Haus und ich im Garten…also im Wohnwagen, meine ich. Trotzdem könnten wir kaum weiter voneinander weg sein.” Wärme findet Germain lediglich bei seiner Freundin Annette. Wenn er nicht seinen Gemüsegarten pflegt oder Holzfiguren schnitzt, verbringt Germain seine Zeit damit, seinen Namen auf ein Gefallenendenkmal zu schreiben. Oder er hängt in der Kneipe von Francine herum. Mit seinen Kumpels Jojo, Julien, Marco, Youss und dem Automechaniker Landremont. Sein einziger Berufswunsch war Kirchenfenstermacher. Auch kann sich Germain gut vorstellen, ein Amazonas-Indianer zu sein. Da ihm beides nicht geglückt ist, arbeitet er für eine Malerei- und Fassadenreinigung: “Ich bin da im Lager, packe Farbtöpfe aus, verteile sie in die Regale und bringe Kartons und Plastikfolien zum Müll, lauter so Sachen, aber das ist nur eine kleine Auswahl von dem, was ich alles kann. Was gerade so anfällt – das ist meine Spezialität.” Germain sagt von sich, dass er beinahe ein Analphabet gewesen sei. Es fehlen ihm die Worte: “Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert, um sie den anderen besser präsentieren und verkaufen zu können. Zum Beispiel gibt es Tage, wo man am liebsten auf alles und jeden einschlagen würde und dann doch nur einen Flunsch zieht. Dadurch könnten die anderen aber glauben, dass man krank oder unglücklich ist. Wenn man stattdessen mit Worten sagt: ‘Geht mir bloß nicht auf den Sack, heute ist nicht mein Tag!’, dann vermeidet man solche Mißverständnisse.” Germain findet nicht immer die schönsten Worte, um sich auszudrücken, und findet dieses oder jenes einfach mal “scheiße”. Vielleicht ist er ungebildet, doch ist Germain von einer Weisheit, die ihm ein entbehrungsreiches Leben vermittelte: “Es gibt wunderschöne Päckchen, wo nichts als Dreck drin ist, und andere, die ungeschickt verschnürt sind, aber wahre Schätze enthalten.” Margueritte in ihrem geblümten Kleid entdeckt Germains verborgenen Schatz. Germain würde jetzt sagen, dass das eine Metapher ist. So sitzen sie auf der Bank im Park unter der Linde, und Margueritte liest Germain vor und erklärt ihm schwierige Wörter. Sie erweitert seinen Horizont: “Als ich Margueritte begegnet bin, fand ich es erst kompliziert, mir Wissen anzueignen. Dann interessant. Und dann unheimlich, denn mit dem Nachdenken azufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. Alles ringsherum kam einem immer ganz okay vor – einfach weil es unscharf war. Und dann plötzlich sieht man die Risse, den Rost, die Mängel, alles, was bröckelt.” Marie-Sabine Rogers Das Labyrinth der Wörter ist ein wunderbares Buch über das Gärtnern. Über das Hegen und Pflegen, Wachsen und Gedeihen, Sprießen und Erblühen der Kulturpflanze Mensch: “Wen man unkultiviert ist, heißt das nicht, dass man nicht kultivierbar ist. Man muss nur an einen guten Gärtner geraten.” Margueritte ist Germains Gärtnerin. Ein bisschen ist Germain auch Marguerittes Gärtner. Wenn man am Ende das Buch aus der Hand legt, sieht man noch lange Margueritte und Germain auf der Bank unter der Linde sitzen. Und man wünscht sich auch eine Margueritte. Oder einen Germain. Die Autorin erzählt die Geschichte mit psychologischem Gespür und Humor. Sie lässt Germain in der Ich-Form selber zu Wort kommen. Man hat den Eindruck, Germain erzählt die Geschichte nur dem, der sie gerade liest. Ganz im Vertrauen. Der Originaltitel des Buches La tête en friche (Der brachliegende Kopf) vermittelt etwas besser das Bild eines brachliegenden Ackers, bei dem noch unklar ist, was er hervorbringen wird. So begleitet der Leser Germain bei seiner persönlichen Entwicklung, seinem Wachstum und seiner Reifung.
Verfilmung von Jean Becker mit Gérard Depardieu Nach dem Roman von Marie-Sabine Roger entstand unter der Regie von Jean Becker (Dialog mit meinem Gärtner) der gleichnamige Film La tête en friche, in dem Gérard Depardieu den Germain spielt. An seiner Seite wird die 95-jährige Gisèle Casadesus zu sehen sein. Der französische Kinostart ist für den 2. Juni 2010 vorgesehen. Jean Becker drehte bereits 1995 mit Gérard Depardieu und Vanessa Paradis den Film Elisa. Betrachtet man Depardieus Lebensgeschichte, so scheint es, als hätte Marie-Sabine Roger die Geschichte für ihn geschrieben, so viele Parallelen lassen sich zwischen Germain und Gérard Depardieu entdecken. Da ist zum Einen der von ihm selbst genannte Mangel seiner Bildung durch einen zu kurzen Schulbesuch. Mit einem Mangel an Weisheit möchte Depardieu das nicht verwechselt sehen. Insofern ähnelt er Germain in seiner durch das Leben geformten Weisheit und der nicht immer geschliffenen Ausdrucksweise: “Auf dem Weg nach oben muss man viele Arschlöcher anlächeln”, wie Depardieu sagte. Gérard Depardieu litt wie Germain unter einem unfreundlichen Lehrer und gleichgültigen Eltern. Streit und Geschrei gehörten zur Tagesordnung im Hause Depardieu. Sein Vater sei Analphabet gewesen, hätte kaum lesen und schreiben können. Und er trank. Der junge Gérard verwahrloste regelrecht, butscherte schon früh durch die Straßen und traf dort keine “Gärtner”, die seinen brachliegenden “Garten” beackert hätten. Wie Germain entdeckt Depardieu die Literatur und großen Schriftsteller erst später im Rahmen seiner Schauspielausbildung und findet dabei die Worte, um besser ausdrücken zu können, was ihn bewegt. Er überwindet außerdem eine Sprachblockade. Im Schauspielkurs trifft er seine künftige Frau Elisabeth, die seine "Gärtnerin" wird und ihn kultiviert. Ein weiterer wichtiger “Gärtner” für Depardieu wird Schauspielerkollege Jean Carmet, der ihm Vater, Bruder und Freund war. Wie Germain, der von großer und kräftiger Statur ist, stand auch Depardieus grober Körper oft nicht im Einklang mit seiner Empfindsamkeit. Depardieu ist eine dieser ungeschickt verschnürten Schachteln. Mit Schätzen darin, aber auch einigem Dreck. Auf die Verfilmung darf man (ich sehr) gespannt sein. Im Bild: Buchcover und der Regisseur Jean Becker (Foto: Petr Novák, Wikipedia) Geändert von Suyak (05.03.2010 um 11:54 Uhr) |
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| | #2 (permalink) |
| Forum-König | Das ist mir komplett entgangen Ein unwahrscheinlich zärtliches und liebevolles Buch, eine Homage an die Sprache und das Lesen. Mit einem ganz besondersen Gespür für das was zwischen den Zeilen steht bzw. unausgesprochen bleibt. Da die französische Sprache sehr schnell ist , deshalb wirken viele Filme synchronisiert oftmals "sprachlich" hektisch (zumindest empfinde ich es so) - und dies könnte dem Geschehen in dem Roman den warmen Zauber nehmen. Es ist noch nicht so lange her, da habe ich einen Ausschnitt davon gesehen und das was ich gesehen und vorallem "gehört" habe, hat mein Gefühl bestätigt. Aber es war auch nur ein kurzer Ausschnitt und ich recht unvorbereitet darauf.
__________________ Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher sehr ungeeignet, die Gesellschaft dort aber wäre von Interesse. (Oscar Wilde) |
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| Administrator Forum-Inventar Registriert seit: 20.04.2002 Ort: Erfurt
Beiträge: 2.474
| Ich kenne bislang auch nur den Trailer und Ausschnitte aus dem Film, der vielversprechend scheint, aber wenigstens erkennen lässt, dass dramaturgische Veränderungen vorgenommen worden sind. So nimmt Germain Margueritte in seinem Laster mit, was sie im Buch ablehnt. Seine Freundin Annette macht ihm eine Eifersuchtsszene, als sie einen Blumenstrauß entdeckt und eine Geliebte vermutet. Daraufhin erzählt Germain ihr von Margueritte. Im Buch erzählt Germain seiner Annette irgendwann einfach von Margueritte, und Annette zeigt sich verständnisvoll. Ich warte schon lange auf den Film. Zwei Anläufe habe ich gemacht, ihn mir im Kinoklub anzusehen, als er lief. Beide Male waren keine Karten mehr zu bekommen. Zwischen dem 7. und 12. April wird der Film nochmals im Kinoklub ins Programm genommen. Karten dazu müssen wohl am Nachmittag mit Glück für den Abend erworben werden. Am 9. Juni erscheint die deutsche DVD des Films. |
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| | #4 (permalink) |
| Forum-König | Meistens ist es leider ja so, dass im Film die Dinge geändert werden In Frankfurt gab es auch so ein Kino, dass die "etwas andren" Filme zeigte, da war ich eigentlich recht oft.
__________________ Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher sehr ungeeignet, die Gesellschaft dort aber wäre von Interesse. (Oscar Wilde) |
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| | #5 (permalink) |
| Administrator Forum-Inventar Registriert seit: 20.04.2002 Ort: Erfurt
Beiträge: 2.474
| Im Kinoklub kann man Karten für eine Vorstellung nur am selben Tag ab 16 Uhr vorkaufen. Ich war erst einmal da und fand es toll. Es laufen eher "intellektuelle" Filme, auch Dokumentationen und anderes. Auf der Webseite ist das Monatsprogramm angegeben. Günstiger, so sagte mir der Fimvorführer, seien die Tage Montag bis Donnerstag. Am Wochenende ist das Kino stärker besucht. Es gibt nur einen Vorführraum mit etwa 50 Plätzen und einer kleineren Leinwand. Kein Popcornverkauf! Dafür kannst Du Dir einen Wein kaufen. Eintritt 6,00 Euro. |
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