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| Forum-König | Es ist vier Uhr früh, als sich Katrina Marino auf den Heimweg macht. Die Strassen sind menschenleer, trotzdem hat Katrina das Gefühl, beobachtet zu werden. Als sie sich ein wenig später ihrer Haustür nähert, nimmt sie aus dem Augenwinkel eine Gestalt wahr. Noch bevor sie reagieren kann, ist der Angreifer über ihr und sticht mit einem Messer auf sie ein. Katrina fängt an zu schreien. Zuerst hört Katrinas Nachbar Patrick die Schreie. danach Diana aus dem gegenüberliegenden Haus. Schließlich Thomas, Peter, Frank.. Alle schauen aus ihren Fenstern, alle sehen, dass vor ihrer Haustür etwas Schreckliches passiert, doch wer unternimmt etwas? Ein Akt der Gewalt basiert auf einer wahren Geschichte, dem Mord an Kitty Grenovese, der 1964 weltweit für Schlagzeilen sorgte und dessen Umstände später unter dem Begriff Bystander-Effekt in die Kriminalgeschichte eingingen. Soviel gibt das Cover des Buches von Ryan David Jahn preis. Ein sehr außergewöhnliches Buch, dem eine klassische Rezension nur sehr schwer gerecht werden kann. Es ist ein Buch der sehr klaren Bilder, wir lernen Kat kennen, begleiten sie auf ihrem letzten Weg nach hause und erleben den Überfall auf sie. Der Leser „sieht“ jeden Einstich in ihren Körper, fühlt die Angst und riecht das viele Blut. ““als Kat sich aus dem Auto zwängt, sieht sie einen .Streifenwagen, …..das Rotlicht springt aus seinem Dach hervor, wie die Spitze eines Lippenstiftes…..““ ““…dann wird das Messer aus dem Spalt herausgezogen, den es in Kat geöffnet hat und sie hört ein Geräusch, wie wenn in einem Errol-Flynn-Film ein Schwert aus der Scheide….““ Abwechselnd mit diesem Geschehen, lernen wir die andren Beteiligten kennen, auch ihre gegenwärtige Situation, ihre emotionalen Verstrickungen und wir erleben vor welchem Hintergrund sie nichts unternehmen um Kat zu helfen. Ein korrupter Cop, der einen Mordanschlag begeht, zwei Pärchen, die beim Sex den Partner tauschen und damit nicht klar kommen, ein Selbstmörder und noch einige andere – deren aktuelle Situation ebenso detailliert und packend beschrieben wird und den Leser einbezieht, wie das umfassende Zusammenspiel in dieser Nacht. Aber hier sollte nicht zu viel verraten werden. Das Buch ist kein normaler Krimi, kein normaler Thriller – wir wissen ja, dass niemand helfen wird, aber es ist das aufwühlende, mitreißende und atemloseste Buch, aber auch das belastende Buch, das ich bisher gelesen habe. Durch seine Art zu schreiben, mit bewundernswerten Blick auf Details, distanziert im positiven Sinne, aber auch nicht kalt oder emotionslos und in absolut keiner Weise wertend und anklagend schildert Bryan David Jahn die Geschehnisse und überlässt dem Leser zu werten, einzuschätzen und zu urteilen. Eine menschliche, emotionale sowie literarische Meiserleistung des jungen Autors. Zu gleichen Zeit, wenn auch Diane, untätig, schon 5 Minuten herunter auf Kat schaut, lernen wir William kennen. Kats Mörder. Von dem einzigen der etwas tut - dem jüngsten Augenzeugen unterbrochen, fährt er nach hause, schaut nach seinen Kindern, säubert das Messer und legt sich zu seiner Frau und dann scheint das Weiterlesen für den Leser fast unerträglich. ““….ein Hunger der kaum zu stillen ist….., er steht auf, nimmt das Messer aus dem Abtropfkorb und geht wieder hinaus in die Nacht um es zu Ende zu bringen."" Ryan schafft es mit seiner Art zu schreiben, die komplette menschliche Gefühlswelt, mit all ihren Facetten, ihren Abgründen und Normalitäten zu beschreiben und sie dem Leser buchstäblich so nahe zu bringen, das es fast innerlich wehtut. Und lässt es mit den Gedanken des Sanitäters David bei Kats Anblick scheinbar auf den Punkt bringen: ““ das Leben in einer Stadt wie dieser besteht aus einer zufälligen Begegnung nach der anderen, Fremde, die einander zu tausenden über den Weg laufen, manchmal aufeinander Einfluss nehmen, wenn auch gewöhnlich auf völlig unerhebliche Weise……..aber manchmal kommt es zu einem Zusammenstoss, wenn Fremde einander begegnen, zur Kollision. So ist es eben…..manchmal endet es tödlich.““ Ein Zusammenstoss zweier Autos kurz vorher spielt ihm noch ein weiteres Leben in die Hände, er transportiert einen Mann mit einer Glassscherbe tief in der Stirn in die Klinik – und erkennt seinen früheren Peiniger in ihm : “““ zerbricht eine Kapsel mit Riechsalz…..hustet und öffnet die Augen, die kurz darauf in ihren Höhlen rotieren wie Kugeln in einem überreichlich geschmierten Lager…..Auf das Glasstück, dass aus Vacantis Stirn ragt, tippt David mit zwei ausgestreckten Fingern wie auf eine Tischplatte……..““ Als man Kat abtransportiert begegnen sich alle im Innenhof, bemüht, das viele Blut nicht zu sehen, nicht hinein zu treten und schnell weg und sich in die Normalität des Alltages zu flüchten, eine Nacht der menschlichen Kollisionen, Kats Leben, sowie das Buch geht zu Ende. Der Autor übernimmt wie bereits beschrieben, keine Anklage, organisiert keinen Aufschrei wie man erwarten könnte. Er zeigt nicht mit dem Finger und nimmt dem Leser damit nicht die Frage ab, würde ich es „richtig“ machen, oder wäre auch ich in meiner emotionalen Welt, meinen Ängsten und Unzulänglichkeiten gefangen – sondern belässt dies einzig beim Leser und hält ihm einen Spiegel vor, um dies für sich selber zu beantworten und um es dann eben am Ende nicht sicher zu wissen. Ein menschlich und literarisch genialer Schachzug, ich kann das Buch nur empfehlen und werde Ryan David Jahn als Autor weiter verfolgen. (Copyright by Alessia)
__________________ Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher sehr ungeeignet, die Gesellschaft dort aber wäre von Interesse. (Oscar Wilde) Geändert von Laoghaire (30.03.2011 um 11:00 Uhr) |
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