Von Heinz Zufall

Erfurt. Auch wenn wir uns heute aus der Altstadt entfernen und uns in das Musikerviertel begeben, so wird auch dies ein Ausflug in die Stadtgeschichte. Das Musikerviertel entstand eigentlich erst nach dem II. Weltkrieg, obwohl die meisten Straßen bereits einige Jahrzehnte zuvor angelegt wurden. Während heute die Straßennamen vom Stolz auf hervorragende und meist berühmte Musiker künden, kündeten sie vor dem Weltkrieg vom Schlachten auf den Schlachtfeldern, also von etwas, auf das es wirklich keinen Grund gibt, stolz zu sein.

Angelegt wurde die Straße Mitte der 1930er Jahre. Seit 1947 trägt die bis dahin Langemarckstraße betitelte Straße den Namen Pachelbelstraße und verweist damit insbesondere auf den Musiker, Komponisten und Orgelmeister Johann Pachelbel. Pachelbel war einer der bedeutendsten Komponisten für Orgelmusik in der Zeit des Barock.

Johann Pachelbel in jüngeren Jahren

Auch wenn Pachelbel geborener Nürnberger war, so ist sein Leben und Wirken doch sehr eng mit Erfurt verbunden.

Pachelbel, am 01.09.1653 in Nürnberg geboren und getauft, war Sohn des »Flaschners« (Weinhändlers) Hans Pachelbel (geboren 1613), aus Wunsiedel stammend, und dessen zweiter Ehefrau Anna Maria, geb. Mair.  Von Kindheit an wissenschaftlich und besonders musikalisch interessiert, erhielt Pachelbel Instrumentalunterricht bei dem bekannten Nürnberger Sebalduslehrer Heinrich Schwemmer (1621-1696); er besuchte die Lorenzer Hauptschule und studierte 1669 an der Universität Altdorf, wo er auch an der Pfarrkirche St. Lorenz den Organistendienst versah. Das Studium musste er 1669 jedoch nach nur neun Monaten aufgeben, da sein Vater in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Johann Pachelbel besuchte in der Folgezeit das Gymnasium Poeticum in Regensburg.

1673 ging er nach Wien, wo er eine Anstellung als Hilfsorganist am Stephansdom erhielt. Vier Jahre später wurde er als Hoforganist des Herzogs Johann Georg von Sachsen-Eisenach nach Eisenach berufen. Hier lernte er Mitglieder der Familie Bach kennen, denen er zeitlebens verbunden blieb. Er war mit dem Vater von Johann Sebastian Bach, Ambrosius Bach, freundschaftlich verbunden und ist als Pate dessen Tochter Johanna Juditha verzeichnet.

Vermutlich auch aus dieser Verbindung kommt er 1678 als Organist nach Erfurt an die Predigerkirche. Dieses Amt behielt er zwölf Jahre lang inne. Die Predigerkirche hatte als Ratskirche eine heraus gehobene Stellung unter den evangelischen Kirchen der Stadt. Pachelbel pflegte gerade in Erfurt engen Kontakt zu den Erfurter „Bachen“. Schließlich wohnte er ja sogar zunächst im Hause der Bachs auf dem Junkersand. 1684 kaufte er daselbst das „Haus zur Silbernen Tasche“,

Als Organist war Pachelbel auch Komponist und Lehrer. Zu den bekanntesten Schülern in Erfurt zählte zum Beispiel 1686 der älteste Bruder Johann Sebastian Bachs, Johann Christoph Bach. Auch Johann Heinrich Buttstett, Andreas Armsdorff und Johann Christoph Graff gehörten hier zu den namhaften Schülern.  Nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt komponierte Pachelbel die Huldigungsmusik für den Erzbischof Karl Heinrich von Metternich-Winneburg.

Pachelbel war, nacheinander versteht sich, mit zwei Erfurterinnen verheiratet.  Am 25.10.1681 heiratete er in Erfurt die Stadtmajorstochter Barbara Gabler, die jedoch bereits am 09.10.1683 an der Pest verstarb, wie auch ihr erst einjähriger Sohn, gestorben am 28.10.1683. Aus tiefer Trauer heraus entstanden in dieser Zeit seine „Musikalischen Sterbensgedanken“.

 

In zweiter Ehe (14.08.1684) war Pachelbel mit der Erfurter Kupferschmieds-Tochter Judith Dommer verheiratet. Aus dieser Ehe stammten zwei Töchter (Amalie, geboren am 29.10.1688 in Erfurt, gestorben 06.12.1723 in Nürnberg) und fünf Söhne (Wilhelm Hieronymus, getauft 29.08.1686 in Erfurt, gestorben 1764 in Nürnberg; Carl Theodorus, getauft 24.11.1690 in Stuttgart, gestorben 15.09.1750 in Charleston/USA; Johann Michael, geboren 06.10.1692).  Amalie war eine hochbegabte Zeichnerin, Malerin und Kupferstecherin; Wilhelm Hieronymus trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls ein begnadeter Musiker wie auch der nach Amerika ausgewanderte Charles Theodore Musiker wurde.

Zahlreichen Schüler Pachelbels erlangten Ruhm und Ehre und haben sein Orgel- und Klavierwerk weit verbreitet, das sich z.B. durch Wärme und Freundlichkeit der Harmonie, durch die Kantabilität der Melodik und Freude am Instrumental-Spielerischen auszeichnet.

Am 01.09.1690 trat Pachelbel mit einem „Attest seines Wohlverhaltens“ durch die Erfurter Kirchenbehörde als „Hof-Musicus und Organist“ in den Dienst der Herzogin Magdalena Sibylla von Württemberg in Stuttgart. 1692 floh er vor der französischen Invasion nach Nürnberg.  Am 08.11.1692 wurde er daraufhin Stadtorganist in Gotha. Wie vorher wohl vereinbart, wurde Pachelbel Nachfolger des am 20.04.1695 verstorbenen Organisten Georg Caspar Wecker an St. Sebald in Nürnberg.  Dort entstand im Jahre 1699 seine bedeutsame Variationen-Sammlung für Tasteninstrument (Cembalo bzw. Orgel) Hexachordum Apollinis.

Ausschnitt aus dem amtlichen Stadtplan der Stadt Erfurt

Pachelbel komponierte auch Kammermusik, Kantaten und Motetten. Für seinen Stil kennzeichnend ist die Verbindung virtuoser und arioser Elemente italienischer Überlieferung mit kontrapunktischen, mitteldeutschen Gestaltungsprinzipien. Pachelbels populärstes Werk ist der Kanon aus „Kanon und Gigue in D-Dur“. Es handelt sich um den einzigen von Pachelbel komponierten Kanon und ist deshalb nicht repräsentativ für sein Gesamtwerk. Vom Kanon in D existieren heute zahllose Aufnahmen, Versionen und Bearbeitungen.  Und wer hätte das gedacht: „Streets of London“, „Go West“ oder „Oh Lord, why Lord“ – all diese modernen Songs gehen auf den barocken Kanon Pachelbels zurück, einer Akkordfolge, die sich bis heute als Hit-Rezept bewährt hat.

Der barocke Musiktheoretiker Martin Heinrich Fuhrmann hatte wohl recht, als er Johann Pachelbel – die falsche Orthographie sei in diesem Zusammenhang verziehen – zu den drei großen B seines Jahrhunderts zählte: „Buxtehuden, Bachelbeln und Bachen in Leipzig: diese gelten bei mir so viel als Cicero bei den Lateinern.“

Mit einem Lied auf den Lippen hat er also sein Leben vollendet, wenn man dem Chronisten Johann Mattheson Glauben schenken darf. Pachelbel stirbt „an einem Mittwochen, unter dem leisen Singen seines Leib-Liedes: ‚Herr Jesu Christ, meines Lebens Licht‘, im 53sten Jahr seines Alters.“

2003, anlässlich seines 350. Geburtstages, widmete ihm das Erfurter Stadtarchiv eine vielbeachtete Ausstellung, die sein Leben und Wirken ehrte.

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