Bessere Chancen für Jugendliche – Weniger Auswahl für Unternehmen

„Auch wenn die reinen Zahlen Traumchancen vermuten lassen, so gestaltet sich der Ausgleich zwischen den Anforderungen der Unternehmen und der Motivation sowie Fähigkeiten der Jugendlichen recht komplex und nicht immer einfach. Leistungsstarke Jugendliche haben vielfach mehrere Angebote zur Auswahl, während Schulabgänger mit schlechteren Noten oft Alternativen berücksichtigen müssen“, erläutert Beatrice Ströhl, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Erfurt. Und noch immer gibt es – wenige – Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden. „Arbeitgeber und Jugendliche müssen noch mehr aufeinander zugehen, um heute die Fachkräfte von morgen zu sichern“, so Ströhl. Unterstützen kann die Agentur für Arbeit mit ausbildungs-begleitenden Hilfen, um Azubis während der Ausbildung fit zu machen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine frühzeitige Berufsorientierung. Junge Menschen müssen frühzeitig erkennen, für welche Berufe sie sich interessieren und wo ihre Talente liegen. „Gerade jetzt hat eine frühzeitige Berufsorientierung hohe Bedeutung. Diese darf nicht erst mit Ende der Schulzeit ansetzen, sondern deutlich früher. Bereits im Kindergarten können Talente spielerisch erkannt und gefördert werden“, betont Sabine Edner, Mitglied der Geschäftsführung der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen.

Trotz einem wiederholten Rückgang der Schulabgängerzahlen sind die Vertragsabschlüsse in Industrie und Handel relativ stabil. „Die Unternehmen haben sich den Herausforderungen des demografischen Wandels gestellt und rechtzeitig reagiert“, sagt Thomas Fahlbusch, Abteilungsleiter Aus- und Weiterbildung der Erfurter Industrie- und Handelskammer (IHK). Die Betriebe hätten langfristig mit der Werbung um Schulabgänger begonnen und ermöglichten zunehmend Bewerbern mit ungünstigen Ausbildungsvoraussetzungen eine Karrierechance. „Das ist zwingend notwendig, denn der Anteil der Hauptschulabsolventen an den Bewerbern hat sich im IHK-Bereich inzwischen von 16 auf 20 Prozent, bei den Realschülern immerhin von 46 auf 53 Prozent erhöht“ erläutert Fahlbusch die Situation. Gleichzeitig wäre jedoch der Anteil der Lehrlinge mit Hochschulreife von 23 auf 18 Prozent gesunken.
Die Werbung um die Auszubildenden in Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe laufe aus Sicht der IHK Erfurt auf Hochtouren. „Jedem Schulabgänger liegen von unserer Seite mindestens 5 Angebote für einen Ausbildungsplatz vor“, berichtet Fahlbusch. Bereits heute seien 769 freie Lehrstellen für 2012 in der IHK-Onlinebörse zu finden.

Mit 1585 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen (Stand 31. Oktober) verzeichnete das Handwerk im Kammerbezirk Erfurt eine gleich hohe Anzahl an Ausbildungsverträgen wie im Vorjahreszeitraum. Erneut blieben aber auch über 100 Ausbildungsplätze unbesetzt. Für Bernd Meier, Geschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt, ist damit eine „Reproduktions-Schmerzgrenze“ erreicht. „Unsere Betriebe würden gerne mehr ausbilden. Gründe sind die gute wirtschaftliche Situation sowie die mittel- und langfristige Fachkräftesicherung in den Betrieben“, so Meier. „Und sie müssten mehr ausbilden, um die künftigen altersbedingten Abgänge von Fachkräften aufzufangen.“

Für das Handwerk mit seinem hohen Fachkräfteanteil sei die eigene Ausbildung eine Existenz sichernde Aufgabe. Die Betriebe rekrutieren laut Meier ihre Fachkräfte traditionell zum großen Teil aus der eigenen Jugend. Frei bleibende Ausbildungsplätze seien somit mittelfristig auch häufig unbesetzte Arbeitsplätze, was sich als Wachstumsbremse erweisen könne.
Wichtig ist für die Handwerkskammer Erfurt daher, im Rahmen der Beratung von Betrieben und Schülern, in den Regionen Angebot und Nachfrage zusammen zu führen. Daher liegt einer der Schwerpunkte darin, erstausbildende Betriebe zu beraten und zu begleiten und Jugendliche über die Breite betrieblicher Ausbildungsangebote zu informieren. „Unser Ziel ist es, Leben und Arbeiten in den Regionen, insbesondere in den strukturschwachen Gebieten zu fördern.“ Handwerksbetriebe mit ihrer starken regionalen Verwurzelung sind sowohl wichtige Arbeitgeber als auch Auftragnehmer in den Städten und Kreisen. „Uns muss also daran gelegen sein, durch attraktive Ausbildungs- und Arbeitsplätze einen Beitrag dazu zu leisten, Nord- und Mittelthüringen als Lebens- und Arbeitsstandort weiter zu entwickeln“, unterstreicht Meier. Als Beispiel nennt der Geschäftsführer das Projekt „Jobstarter“(welches durch den Bund (BIBB) und durch ESF-Mittel gefördert ist), das mit intensiver Beratungsarbeit in den Regionen die Ausbildung stärken will.

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