Die Wiederbelebung der Preußischen Platte


Die Erfurter Defensionskaserne auf dem Petersberg ist ein Bauwerk von gewaltigen Dimensionen. Sie ist 167 Meter lang. Ihre Mauern haben eine Dicke von zwei Metern, an den Giebelseiten messen sie sogar über 3,50 Meter. Im Untergeschoss auf der Nord-Seite nehmen 80 Schießscharten mögliche Feinde ins Visier. Über dem Obergeschoss thront ein kleiner Flak-Turm. Nun wird das Gebäude nach 20-jährigem Leerstand einer endgültig friedlichen Nutzung zugeführt.

Tief unten im Bauch der Defensionskaserne macht Frank Sonnabend vor einem schwarz verkohlten Raum Halt. Der Boden ist hier noch etwas tiefer als in den umliegenden Bereichen. „Das hier war der Heizungsraum mitsamt angeschlossenem Kohlenbunker der Kaserne“, sagt Frank Sonnabend, seit dem vergangenen Jahr neuer Eigentümer des gewaltigen Bauwerks auf der Erfurter Stadtkrone. Die besondere Tiefe gibt dem Raum etwas wannenartiges. Und weil Sonnabend gelernter Architekt ist, stand ihm gleich die passende Nutzung für diesen Bereich vor Augen. „Ein idealer Ort für ein kleines Schwimmbad“, sagt er und schiebt – um keine Hoffnung aufkommen zu lassen – schnell hinterher: „Das ist mehr so eine Spinnerei. Aber schauen wir einfach mal, was aus dem Raum wird, wenn wir fertig sind.“

Eine Stunde nimmt er sich Zeit für den Rundgang. Dann wartet der nächste Abstimmungstermin mit dem Landesamt für Denkmalpflege. Das liegt in Rufweite auf der anderen Seite des Exerzierplatzes auf dem Petersberg. „Ich stehe gewissermaßen unter ständiger Beobachtung“, scherzt er – und lobt im Gegenzug die kurzen Abstimmungswege beim Umbau der historischen Immobilie zu einem Campus für modernes Arbeiten und Kreativität. Auch ein Restaurant im Erdgeschoss soll die dauerhafte Belebung des Berges voranzutreiben helfen

Vor mehr als 200 Jahren wurde die Kaserne zunächst als dreigeschossiger Bau mit einem erdbedeckten Flachdach errichtet. Sie nahm zum Teil die Stelle des abgebrochenen Petersklosters ein. Mit den Kanonenstellungen auf der Feldseite diente die Defensionskaserne vor allem als Verteidigungsbauwerk, aber auch als Unterkunft für zunächst 500 Soldaten. Genau hundert Jahre nach Fertigstellung setzte das Militär dem Bauwerk 1913/14 ein weiteres Geschoss als Mansardendach auf. Die militärische Nutzung dauerte bis 1963, danach diente der bauliche Koloss bis in die 1990er Jahre als Lager- und Verwaltungsgebäude.

Investor Sonnabend zeigt sich heute noch beeindruckt von der Geschwindigkeit der Arbeiten vor 200 Jahren. Dieser riesige Bau sei zwischen 1828 und 1831 in nur vier Jahren errichtet worden. „Und es gab nur eine Handvoll Pläne beziehungsweise Architekturzeichnungen. Heute müssen Sie allein für die Brandschutzplanung im Baugenehmigungsverfahren ein Vielfaches an Unterlagen einreichen“. Möglich habe dieser minimalistische Planungsaufwand die besondere Konstruktion des Bauwerks gemacht. Denn trotz der großen Länge der Kaserne bestehe sie auf allen Geschossebenen aus sich alle paar Meter ständig wiederholenden Gebäudeteilen: Von einem langen Flur auf der Südseite gingen die Unterkünfte der Mannschaften ab, die wiederum durch kleine Durchgänge verbunden waren. Auch die insgesamt drei Treppenhäuser würden sich in die Kubatur einfügen. „Das war für die beteiligten Handwerker einfach und vor allem zeitgleich zu bauen“, sagte Sonnabend. Vom Prinzip her ähnele der modulare Aufbau den heute DDR-weitbekannten Plattenbauten.

Diese Aufteilung hilft dem Investor heute beim Umbau zu einem Gebäude mit vielen verschiedenen Nutzungen. „Wir können einzelne Segmente miteinander verbinden. Und wir können die hölzerne Decke zwischen Erdgeschoss und erstem Obergeschoss teilweise herausnehmen.“ So erhielten Teile des späteren Gebäudes sogar einen echten Loft-Charakter.

Inzwischen im zweiten Stock angekommen, zeigt er auf regelmäßige Vertiefungen in einer Nische. Es handelt sich um hölzerne Gewehrhalter im Flur vor den Mannschaftsunterkünften. „Heute undenkbar, die standen nachts einfach so herum auf dem Flur“, sagt Sonnabend. Die noch erhaltene historische Substanz im Gebäude will er so weit wie möglich konservieren. Neu wird dagegen der Ausbau einer zweiten Dachgeschossebene mit großen Gaubenfenstern sein. Der Blick von hier oben geht weit über Erfurt ins Land hinein. Der Rückbau der defekten Balken im Dachstuhl ist im 1. Bauabschnitt inzwischen abgeschlossen. Das quietschende Geräusch von Akkuschraubern und Handkreissägen und das Klopfen von Hämmern erfüllt die Luft. Jahre lang hatten Stadt, Politik und Denkmalschutz um den Dachstuhl auf der Kaserne gerungen. Sollte das Gebäude bei der Sanierung in den Zustand von 1813 als typisch preußisches Festungsbauwerk zurückgeführt werden? Oder solle die spätere Entscheidung der Kasernenerweiterung für die Nachwelt sichtbar erhalten werden? Für beide Positionen gab es aus der Perspektive der Denkmalschützer gute Argumente. Entschieden hat es am Ende wohl die wirtschaftliche Gesamt-Betrachtung des Bauprojekts. „Ein Rückbau des gesamten Dachstuhls wäre nicht nachhaltig gewesen“, sagt Sonnabend. Solche Holzbalken und die gesamten Baustoffe des Dachs seien heute gesondert zu entsorgen. Und dann wäre es auch ökologisch fragwürdig gewesen, den eigentlich intakten Dachstuhl abzureißen. Denn inspirierende Flächen sind knapp in Erfurt – letztlich hätte man nach dem Abriss vergleichbare Quadratmeter andernorts mit viel Beton neu gebaut.

Fotos: Steve Bauerschmidt



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