verschiedenfarbige Häuserfassaden, davor viele Passanten

Wie kann die Erfurter Innenstadt fit für die Zukunft gemacht werden, welche Stärken gilt es zu bewahren, wo kann und sollte hingegen Potenzial gehoben werden? Wie können wir Diskurse anregen, Konflikte moderierend begleiten, mit Akteurinnen und Akteuren, Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen, Beteiligung ermöglichen, Engagement Raum geben – und wo befindet sich der kleinste gemeinsame Nenner aller?

Vorstellung des Innenstadtprofilierungskonzeptes

Auf die Beantwortung dieser Fragen zielte das von der Stadt Erfurt initiierte Projekt, das beim Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Erfurt angesiedelt und vom in Erfurt ansässigen Institut für angewandte Marketing- und Kommunikationsforschung (IMK) unterstützt wurde.

Partizipation zu ermöglichen und zu fördern, galt durch das ganze Projekt hinweg als Leitgedanke. In drei Projektphasen sollte allen interessierten Erfurterinnen und Erfurtern eine Plattform geboten werden, um ihre Vorschläge, Wünsche und Anregungen zur Zukunft der Erfurter Innenstadt einzubringen. Mehr als 2.000 Personen beteiligten sich in verschiedenen Formaten wie Vor-Ort-Befragung in der Innenstadt (rund 500 Personen), Online-Umfrage (über 1.200 Personen), zusätzlichen Umfragen oder Workshops. Viele Interessierte nutzen auch die Möglichkeit einer direkten Kontaktaufnahme. Die Daten aus Umfragen und unterschiedlichsten Beteiligungsformaten wurden in den letzten Monaten detailliert analysiert, interpretiert und verdichtet.

Ergebnisse

Welches Stimmungsbild zeigte sich nun aufgrund der Befragung der Nutzerinnen und Nutzer der Innenstadt? Befragte besuchen die Innenstadt zu 63 % gerne und häufig, können somit als echte „Innenstadtfans“ bezeichnet werden. Auf die Frage, welche Gedanken und Begriffe die Befragten ganz spontan im Kopf haben, wenn sie an die Erfurter Innenstadt denken, werden vorrangig positiv besetzte Assoziationen wie „schön“, markante Orte wie „Dom und Domplatz“ oder „Krämerbrücke“, aber auch die Einkaufsmöglichkeiten und das historische Stadtbild genannt. Doch natürlich interessieren im Zuge der zukünftigen Ausrichtungen auch Störfaktoren, Aspekte, die weniger gefallen, wie z. B. ein wahrgenommener Mangel an Sauberkeit oder soziale Konflikte an bestimmten Brennpunkten. Auf die zusammenfassende Frage, welche Aspekte zu einem Besuch der Innenstadt motivieren bzw. welche davon eher abhalten, werden Nutzungs-Mix, Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln und das Angebot an Events und Veranstaltungen als starke Motivatoren genannt. Sicherheit, Sauberkeit und die Parkplatzsituation finden sich am anderen Ende des Spektrums bzw. polarisieren teils.

Um schließlich die im engeren Sinne für das Innenstadtprofilierungskonzept relevante Fragestellung – Validierung und Priorisierung der Handlungsfelder – zu beantworten, wurde analysiert, welche Handlungsfelder die „Zufriedenheit mit der Innenstadt“ (im Heute) sowie „Zukunftsorientierung der Innenstadt“ besonders stark beeinflussen. Das heißt keineswegs, dass es in anderen Handlungsfeldern keine Verbesserungspotenziale gibt – im Sinne einer Priorisierung sind diese allerdings vorrangig zu sehen:

  • Gewährleistung von Sicherheit und Sauberkeit in allen Bereichen der Innenstadt, wobei sich hier die wahrgenommene Unzufriedenheit stark auf bestimmte Brennpunkte wie den Anger (Sicherheit, Sauberkeit) oder den Hauptbahnhof (Sicherheit) fokussiert. Ein wahrgenommener Mangel an öffentlichen Toiletten fällt ebenfalls in dieses Handlungsfeld.
  • Mobilität – mit der Erreichbarkeit der Innenstadt sind 64 % der Befragten voll und ganz zufrieden. Als mangelhaft empfundene Fahrradfreundlichkeit sorgt für Kritik.
  • Die Aufenthaltsqualität der Innenstadt wird insgesamt positiv bewertet, 77 % der Befragten stimmen voll und ganz oder eher zu, dass die Innenstadt ein lebendiger Ort ist, auch die Attraktivität zentraler Plätze wird geschätzt. An Potenzialen – gerade im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen und zukünftigen Herausforderungen – wird der Wunsch nach mehr „Grün“ (im Sinne von Bäumen, Blumen) und „Blau“ als Zugang zu Wasser (sowohl zur Gera, als auch zu öffentlichen Trinkbrunnen) deutlich.
  • Angebot und Zusammenspiel von Gastronomie, Handel, Kultur, Bildung und weiteren für eine lebendige Innenstadt notwendigen Nutzungen bilden sich im Nutzungs-Mix ab, der in Erfurt 85 % der Befragten dazu motiviert, die Innenstadt zu besuchen, und somit heute als eine Stärke Erfurts bezeichnet werden kann. Diesen aber auf die Zukunft auszurichten und zu optimieren, ist Teil eines stetigen Prozesses. Besonderes Augenmerk sollte dabei dem Leerstand gelten, der aktuell 45 % der Befragten beunruhigt.
  • Dass die Verwaltung vor allem aus Sicht der Gewerbetreibenden stärker als Unterstützer agieren oder wahrgenommen werden sollte, bildet das letzte priorisierte Handlungsfeld ab. In dieses Handlungsfeld flossen neben der Befragung von Nutzerinnen und Nutzern der Innenstadt auch die Ergebnisse einer integriert stattfindenden Befragung unter den Gewerbetreibenden der Innenstadt ein.

In der nächsten Phase fanden zu den priorisierten Handlungsfeldern erneut Workshops und Expertengespräche statt, um Maßnahmenempfehlungen abzuleiten, zu konkretisieren, bestehende Projekte zu identifizieren und zu vernetzen. Teilnehmende dieser Phase waren Akteure der Innenstadt, Experten aus Stadtverwaltung bzw. relevanten Institutionen, und erneut Bürgerinnen und Bürger.

Ein detaillierter Katalog von Maßnahmenempfehlungen als Ergebnis dieser Phase wurde am 19. Januar dem Stadtrat übergeben und vorgestellt. Über die Ergebnisse können sich Interessierte unter Erfurter Innenstadt – Innenstadtprofilierungskonzeptinformiereren, hier werden exemplarisch einige Maßnahmenempfehlungen angerissen:

Sicherheit und Sauberkeit

Von größeren, bunteren Mülleimern an bestimmten „Hotspot“-Orten, über ein speziell auf den Anger fokussiertes Sicherheitskonzept bis hin zu mehr öffentlich zugänglichen Toiletten.

Mobilität

Neben großen, strukturellen Anpassungen, an denen bereits gearbeitet wird, steht hier die Empfehlung von Mikro-Verkehrskonzepten, die sich punktuell auf einzelne Orte mit ihren ganz spezifischen Anforderungen fokussiert. Eine Bedarfsanalyse zur Erreichbarkeit der Innenstadt per Fahrrad wird ebenfalls empfohlen.

Aufenthaltsqualität

Fast alle in den anderen Handlungsfeldern genannten Maßnahmenempfehlungen beeinflussen letztendlich auch die Aufenthaltsqualität. „Mehr Grün, mehr Blau, mehr Schatten“ – diesen Forderungen sollten mit denen des Integrierten Klimaschutzkonzepts, welches aktuell fortgeschrieben wird, zusammengeführt werden. Zusätzlich können kleine sichtbare Schritte wie eine sukzessive Begrünung des Angers, stärkere Verschattung von Spielplätzen, Umsetzung eines „Klima-Projekt-Piloten“ am Hirschgarten oder bessere Bekanntmachung existierender Trinkbrunnen schon kurzfristig Akzente setzen.

Nutzungs-Mix

Hier werden zahlreiche kreative Ideen zur Zwischennutzung von aktuellen Leerständen empfohlen, von temporärer Kinderbetreuung über Räume für (Jugend-)Kultur und Kunst, Indoor-Grün-Oasen bis hin zum testweisen Mieten einer Geschäftseinheit auf Zeit. Anlaufstelle für alle Ideen ist das Citymanagement. Die Verbindung von lokalen Anbietern und überregionalen Frequenzbringern soll weitere spannende Impulse schaffen.

Verwaltung als Unterstützer

Partizipation – das Leitmotiv in diesem Projekt – sollte auch zukünftig stärker in der Stadtverwaltung verankert werden. Empfohlen wird außerdem die Sammlung der Bedarfe der Gewerbetreibenden der Innenstadt und deren Beachtung bei Satzungsänderungen sowie eine Vereinfachung von Antragsverfahren der Gewerbetreibenden.

Generell und für alle Handlungsfelder wird eine stärkere, integrierte und transparente Kommunikation der Innenstadt-Belange empfohlen. Alle Maßnahmenempfehlungen, die aus dem Innenstadtprofilierungskonzept in den nächsten Wochen und Monaten in die Umsetzung kommen, werden entsprechend breit kommuniziert.

Dranbleiben…

Die konzeptionelle Arbeit am Innenstadtprofilierungskonzept ist beendet. Nun gilt es, die empfohlenen Maßnahmenempfehlungen zum Leben zu erwecken und umzusetzen. Dies erfolgt unter dem Motto „Dranbleiben!“ und verdeutlicht den Anspruch des Projektes, die Gestaltung der zukunftsorientierten Innenstadt anzustoßen und nachzuhalten.

Das Innenstadtprofilierungskonzept ist kein statisches Konzept. Der Erfolg und die Akzeptanz im Rahmen der Maßnahmenumsetzung erfordert ein stetiges Weiterdenken und Weiterschreiben der konzeptionellen Ansätze. Vor dem Hintergrund, dass Rahmenbedingungen sich weiter verändern, sollte das Konzept dynamisch fortgeschrieben werden. Dementsprechend wird die Anforderung formuliert, auch im weiteren Verlauf der Projektarbeit Partizipation zu ermöglichen. Das bedeutet einerseits, dass die projektbegleitende Kommunikation intensiv weitergeführt wird, andererseits, dass niedrigschwellige Möglichkeiten zum Einbringen von Feedback und Ideen weiterhin angeboten werden. Dies wird bis Ende März 2023 noch auf der Projektplattform www.erfurterinnenstadt.de, danach über einen neuen Auftritt innerhalb von www.erfurt.de erfolgen. Interessierte können sich weiterhin auf der Projektplattform informieren.

Weiterführende Informationen zum Projekt

Das Projekt gliederte sich in folgende drei Projektphasen:

  1. Einbringen

Die erste Projektphase, die auf das Sammeln, Dokumentieren und Priorisieren von Informationen zu Anforderungen an die künftige Ausgestaltung der Erfurter Innenstadt abzielte. Hierfür wurden in einer qualitativen Vorstudie im Rahmen von Workshops und Einzelinterviews Stärken, Schwächen und konkrete Handlungsbedarfe thematisiert. Der zweite inhaltliche Schwerpunkt dieser Projektphase umfasste im August die Durchführung einer Vor-Ort-Befragung unter Nutzerinnen und Nutzern der Erfurter Innenstadt, welche das Stimmungsbild abrundete und u. a. die Grundlage für die folgende Priorisierung der Handlungsfelder bildete. Um transparent und niedrigschwellig allen Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich über den Projektverlauf zu informieren und sich selbst einzubringen, wurde mit www.erfurterinnenstadt.de ein projektbegleitendes Portal zur Information und Teilhabe (z. B. über Umfragen) bereitgestellt. Über diese Seite bestand ebenfalls die Möglichkeit, an der Umfrage teilzunehmen – über 1.200 Personen nahmen diese wahr, ein Rücklauf, der zeigte, dass mit dem Innenstadtprofilierungskonzept ein Nerv getroffen wurde. Den Bürgern liegt viel an ihrer Innenstadt und sie möchten sich im Rahmen der zukunftsorientierten Gestaltung aktiv einbringen.

  1. Mitgestalten

Lasst uns aktiv die Zukunft der Erfurter Innenstadt gestalten!“ Diese Formulierung offenbart bereits die Wichtigkeit des Einbezugs aller Akteurinnen und Akteure in einen moderierten Gestaltungsprozess. Welche Maßnahmenempfehlungen können den identifizierten Handlungsfeldern zugewiesen werden? Wie werden diese priorisiert? Was ist der größte gemeinsame Nenner im Rahmen der Definition und Priorisierung der handlungsfeldspezifischen Maßnahmenpakete? Die Möglichkeiten zur inhaltlichen Beteiligung an der Projektarbeit waren erneut vielfältig und niedrigschwellig: vom Workshop über Online-Umfragen bis hin zu verschiedenen Beteiligungsmöglichkeiten auf der Projekt-Seite.

  1. Dranbleiben

Wer braucht schon das nächste Konzept, das unbeachtet in der Schublade verschwindet? Um hier vorzubeugen, müssen die Ergebnisse intensiv kommuniziert und diskutiert werden.

Quelle: Institut für angewandte Marketing- und Kommunikationsforschung (IMK)

 

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