Von Heinz Zufall

Erfurt. Tief in die Stadtgeschichte führt uns auch die Drachengasse. Früher nur etwa 75 Meter lang, reichte sie von der Michaelisstraße zum Ufer des Breitstroms, unmittelbar vor die Lehmannsbrücke.

Die Lehmannsbrücke war zunächst aus Holz errichtet. Ihre erste Erwähnung findet die Brücke in einem Dokument des Jahres 1108, in dem sie Liepwinisbrucca genannt wird. Diese Bezeichnung hat sich dann im Laufe der Zeit zu Lehmannsbrücke gewandelt. In einem Schreiben des Bonifatius an Äthibald, König der Angeln, erwähnt er “Leofwine episcopus”, der vielleicht der heilige Lebuin sein könnte, einer der Nachfolger Willibrords in Friesland. Es gibt Vermutungen, dass Lebuin der von Bonifatius ernannte erste Bischof Erfurts sein könnte und dass die Brücke in seinem Auftrag errichtet wurde. Nachdem die Brücke bei einem Hochwasser zerstört worden war, errichtete man sie bereits 1342 aus Stein neu.

Heute ist die Drachengasse, die ihren Namen von dem dort stehenden “Haus zum kleinen Drachen” hat, keine Sackgasse mehr, denn mit der in den Jahren 2007/2008 erfolgten Neubebauung wurde sie bis zur Augustinerstraße geführt, so dass sie damit rund einhundert Meter lang ist. 1614 wird die Gasse „auf dem Drachen“ genannt. Die Benennung von Straße nach anliegenden Häusern bzw. deren Namen kann man in Erfurt recht häufig finden.

Das Haus zum kleinen Drachen war ein Seitengebäude auf dem Grundstück “Zur großen Arche Noä und Engelsburg” in der Michaelisstraße 38, welches heute als Begegnungsstätte der Universität dient. Im 16. Jahrhundert wohnten hier die bedeutenden Erfurter Drucker Melchior Sachse, Vater und Sohn. Durch einen Mietvertrag von 1483 kamen beide Häuser in Verwaltung der Universität, der “Kleine Drache” wurde als Burse für Studenten genutzt.

Neuere Forschungen gehen davon aus, dass die berühmten Dunkelmännerbriefe nicht wie bisher allgemein angenommen in der Allerheiligenstraße 22, sondern eben hier im „Kleinen Drachen“ entstanden sind. Eoban Hessus selbst gab den Hinweis auf das Gelände „ex Dracone“. Die Dunkelmännerbriefe geißeln im künstlerischen Gewand der Satire, der Parodie und der Komik die Zustände an den Universitäten. Dabei wird mit den Mitteln des Spottes, der Lächerlichmachung und auch mit derben Obszönitäten die veraltete Bildungswelt bloßgestellt.  Die Humanisten prangern in einer Art Parodie auch die Dominikaner an, indem sie durch die Verwendung von schlechtem und fehlerhaftem Latein schreiben und unterstellen dadurch den Klerikern den Gebrauch dieses Küchenlateins. Weiterhin geht es um die Frage nach der Rechtfertigung der Inquisition und den brutalen Foltermethoden sowie um die zahlreichen Hinrichtungen während dieser Prozesse, und auch darum, wie man mit einem vermeintlichen Querulanten umzugehen habe – doch auch dies ist nur eine Parodie auf die scholastischen Kleriker.  Die Dunkelmännerbriefe, die ihren Ursprung in Erfurt fanden, gehören zu den wichtigen historischen Zeugnissen einer Zeit, in der sich nicht nur die Kirche zu reformieren begann, sondern auch das Bildungssystem und das herrschende Weltbild ins Wanken gerieten.

Auf Robert Huth, einem verdienten Erfurter Lehrer und Historiker, der sich u.a. intensiv mit dem Leben und Wirken von Adam Ries befasste, geht die Nachricht zurück, dass Adam Ries bei seinem Erfurter Aufenthalt vermutlich in der Burse in der Drachengasse lebte. Die in Erfurt und in den Dörfern um Erfurt herum einst bekannte sprichwörtliche Redensart „Geh’ zu Adam Ries in die Drachengasse“ ist dafür ein deutliches Indiz.

Für viele Erfurter war die Drachengasse ein bekannter Ort, wenn man auf der Suche nach einer Wohnung war oder Probleme in der bewohnten Behausung beseitigen (lassen) wollte. Grund dafür war, dass hier viele Jahre lang, auch noch nach der Wende, der Sitz des kommunalen Wohnungsunternehmens war.

Mit der Neubebauung des Areals erfolgten umfangreiche archäologische Untersuchungen, die die lange Besiedlung dieses Gebietes bestätigten und aufzeigten, dass hier u.a. einst Glasmacher, Gerber, Pergamenter und Schönfärber ihrer Arbeit nachgingen. Die Größe der Häuser zur Drachengasse hin ist ein Hinweis dafür, dass hier durchaus wohlhabende Bürger Zuhause waren. Die Neubauten entlang der Augustinerstraße schlossen kriegsbedingte Wunden. Die gewählte Architektur fand nicht nur Zustimmung, aber inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt und trotz dichter Bebauung ist in alle Wohnungen Leben eingezogen. Einen wohltuenden Kontrast bilden die liebevoll sanierten Altbauten auf der Südseite der Drachengasse

Vorheriger ArtikelVon-der-Gabelentz-Straße
Nächster ArtikelAndreasstraße