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Seit 2015 hat das Research Center „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ an der Universität Erfurt der in Deutschland im 19. Jahrhundert entstandenen, aber durch die nationalsozialistische Judenvertreibung und -vernichtung  weitgehend  abgebrochenen  Erforschung  jüdischer religiöser Praktiken und daran anknüpfender Diskurse eine Heimat gegeben. Es hat dabei die zentralen Fragen der jüngsten Forschung in einen interdisziplinären Forschungskontext eingebettet und neue Impulse für eine vergleichende wie verflechtungsgeschichtliche Herangehensweise geliefert, indem es konsequent nach religiös, intellektuell und kulturell pluralistischen Kontexten und Wechselwirkungen gefragt hat. Nun ist die Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgelaufen. Bei der Abschlusstagung im Februar zogen die Akteure nun Bilanz. Und die starte mit einem Witz…

Der Chassid kam durch das Perlentor und wurde mit einem Leviathan beschenkt, damit er die Kreatur beim Mahl in der kommenden Welt essen konnte. Der Chassid fragte: ‚Wer hat diesen Leviathan geschlachtet?‘ Die Antwort war: ‚Adonai hat ihn abgeschlachtet.‘ Dann antwortete der Chassid: ‚Na gut, dann nehme ich eben Obst.‘

Dieser Witz, der offenbar in mehreren Versionen existiert, geht auf den Kern dessen ein, womit sich das Research Center in den vergangenen fünf Jahren beschäftigt hat: mit der Frage des Rituals. Was macht zum Beispiel Essen koscher? Was tut man, um den koscheren Status von Lebensmitteln zu erhalten? Welche Rituale muss man durchführen, um die Familie in angemessener Weise nach jüdischem Recht zu ernähren? Im Hier und Jetzt und auch in der Welt von morgen? Das rituelle Leben der Menschen geht weit über das Essen und die Ernährung hinaus – Rituale sind allgegenwärtig und das Rückgrat unseres täglichen Lebens, das Ticken, das das Vergehen der Zeit anzeigt, die Routine, die unseren Lebensweg strukturiert.

„Die Reise, die wir in den vergangenen fünf Jahren unternommen haben, war eine Reise, die vertraute und unbekannte Gründe überquerte“, erklärt PD Dr. Claudia Bergmann, die Koordinatorin des Research Centers, und macht auf die Wegmarken aufmerksam, die die Forscherinnen und Forscher dabei passiert haben: die Menschen, die am Research Center zusammengekommen sind, studiert, diskutiert und einander zugehört haben; die internationalen Konferenzen (2016: „In Erinnerung an den Tempel / In Erinnerung an das Ritual“;  „Ritualdynamiken beschreiben und erklären“; 2017: „Gemeinsame rituelle Praktiken und geteilte Geschichtsschreibung: Medien, Phänomene, Topoi“; 2018: „Psalmen in der rituellen Praxis in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“) und Workshops, Vorträge und Veröffentlichungen.

Aber auch das Erzählen, das Berichten über die Forschungsergebnisse – sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit – sei ein wichtiger Teil der Arbeit des Research Centers gewesen, sagt Claudia Bergmann. „Neben der Vermittlung unserer Arbeit an die akademische Öffentlichkeit haben wir eine Reihe von Methoden entwickelt, um Menschen aus anderen Studienbereichen sowie die interessierte Öffentlichkeit in der Stadt Erfurt und in der Region anzusprechen. Unser Hauptvehikel waren die Vortragskonzerte von Jascha Nemtsov, Tehila Nini Goldstein, dem Klenke-Quartett und Julia Adler. Wir haben auch die Vorführung von zwei Filmen organisiert, die jüdische Rituale betreffen, und haben die Filmemacherin Britta Wauer und die Hauptprotagonistin, Rabbi Wolf, dazu eingeladen. Und wir haben bei der Kinderuni Erfurt Schülerinnen und Schüler an die Universität eingeladen und ihnen unsere Arbeit vorgestellt. So führte einer unserer Konferenzteilnehmer Drittklässler in die Methoden des Schreibens von Thorarollen ein. 2018 führte der Beatboxer Joshua Leviton die Viert- und Fünftklässler in die Grundlagen des Beatboxens ein, bevor er und die A-Capella-Gruppe, der er angehört, die berühmten Makkabäer aus New York City, beim Festival ACHAVA auftraten.“

Und was bleibt von der Arbeit des Research Centers? „Sechs Bücher, sieben Konferenzen, 14 Workshops, 28 Stipendiaten, zwei Doktoranden, die ihre Dissertation fast abgeschlossen haben, eine Koordinatorin, die sich habilitiert hat, und ein PostDoc, der auf dem Weg zum Ziel ist – das sind gute Ergebnisse“, freut sich Claudia Bergmann. „Ich denke jedoch, was darüber hinaus von unserer Arbeit übrig bleibt, sind die Fülle von Fragen, die aufgeworfen, aber noch nicht beantwortet wurden, und die Wege, die vor uns liegen. Wenn wir nach vorn schauen, entdecken wir vielfache Möglichkeiten für eine Fortsetzung unserer Arbeit, dess es gibt nach wie vor Lücken und offene Fragen.“ Zwei große Themen hat die Forschergruppe dabei aktuell im Blick: Zum einen das Thema „Rituale Agenten“, das sich mit folgenden Fragen befassen könnte: Wer sind die Menschen, die Rituale in religiösen und anderen Kontexten erfunden, verändert und durchgeführt haben? Was veranlasst Ritualagenten, aktiv zu werden, wenn sie die von ihnen durchgeführten Rituale an veränderte Umstände anpassen? Wie sind die Beziehungen zwischen Ritualagenten, die für offizielle Institutionen arbeiten, und denen, die inoffiziell arbeiten? Wer wird zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem Ritualagenten und wer entscheidet, wer als solcher arbeiten darf und wer nicht? Wer initiiert den Wandel: Ritualakteure oder die Institutionen, für die sie arbeiten? Und zweitens das Thema „Rituale und Erinnerungskultur“ und damit die Frage(n): Welche Rolle spielen Erinnerung und kulturelles Erbe im Christentum und Judentum und ihren jeweiligen religiösen Ritualen? Welche Rolle spielen Ritualgegenstände und Ritualräume für die Erinnerungskultur? Wer schafft das Bild, den rituellen Raum, das Museum, und interpretiert sie, füllt sie mit Sinn? Welche Rolle spielt die Gedächtniskultur in der modernen Kultur insbesondere im Kontext der Globalisierung? Dr. Claudia Bergmann: „Es wäre wunderbar, wenn wir weitere Mittel generieren könnten, um unsere Arbeit damit und daran eines Tages fortsetzen könnten.“

(Bildnachweis: Grafik Claudia Zech)

Der Beitrag „Es wäre wunderbar, wenn wir unsere Arbeit eines Tages fortsetzen könnten“ erschien zuerst auf WortMelder.

Quelle: https://aktuell.uni-erfurt.de/2020/03/06/es-waere-wunderbar-wenn-wir-unsere-arbeit-eines-tages-fortsetzen-koennten/