Foto: © Lena Schätte
Als ich 20 war, zog ich für die Liebe vom Land in den Ruhrpott. Die Liebe hielt sich nicht, es war zu eng, eingepfercht in der Platte auf 27 qm² im 9. Stock mit Blick auf die A1. Da ich aber eine Ausbildung angefangen hatte, blieb ich. Und da ich niemanden kannte, meldete ich mich aus Verzweiflung für einen Volkshochschulkurs im kreativen Schreiben an. Immer mittwochabends ging ich nun hin, mit zehn anderen Frauen, alle zwischen 60 und 80 Jahre alt, ich als Küken in der Mitte. Ich hörte ihren autobiografischen Geschichten zu, wie sie über ihr Leben schrieben, kluge, liebevolle Frauen, die so wunderschön gealtert waren und die die Dramen einer 20-Jährigen nicht mehr sonderlich beeindruckten. Sie redeten mir gut zu, dass es mit meinem Schreiben etwas werden könnte. Jetzt bloß nicht den Erstbesten heiraten und sich ablenken lassen, jetzt dranbleiben, an sich glauben, lernen, arbeiten. Sie saßen bei jeder meiner Lesungen in der ersten Reihe. Bis heute bin ich Teil dieser Gruppe, inzwischen seit über zehn Jahren.
