Martina Knytlova verlässt den Thüringer HC

2005 zog es die starke Linkshänderin ins Ausland – Spanien war ihr Ziel, mit dem Club Elda Prestigio erreichte sie zweimal den Bronze-Rang der Meisterschaft. 2007 kam sie nach Thüringen und hatte in der zweiten Bundesligasaison des THC ihr erfolgreichstes Jahr in Deutschland. 130 Tore erzielte sie in der Saison 2008/2009 – belegte damit Platz 2 der deutschen Rangliste, knapp hinter Franziska Mietzner vom Frankfurter HC.
 
Mit ihrer sprichwörtlichen Zuverlässigkeit, der Treffsicherheit aus spitzestem Winkel und ihrer Nervenstärke von der Siebenmeter-Marke erwarb sie sich die ungeteilte Anerkennung in der Salza-Halle und avancierte schnell zum absoluten Publikumsliebling. In ihrem 25.Handballjahr wollte sie gern viel Spaß am Handball haben und das Meisterschaftsfinale erreichen. Das ist ihr nur zum Teil gelungen, denn durch die unglückliche Verletzung im PlayOff-Viertelfinale war sie bis zum Herzschlag-Finale zum Zuschauen verurteilt. Dort aber sah man Martina wieder lächeln – diese Meisterschaftsmedaille ist für sie sicher eine ganz besondere. Sie war wieder mittendrin im feiernden Team und musste viele Autogramme auf die Fan-T-Shirts schreiben – gut gestützt von ihren Mannschaftskameradinnen.
 
Die ruhige und stets bescheidene Martina wird nicht nur den Fans fehlen. Unsere Redaktion wollte es nicht versäumen, von Martina noch einige Antworten auf Fan-Fragen zu bekommen, die eigentlich längst überfällig sind.
 
Du spielst seit 25 Jahren Handball, wieso gerade diese Sportart?
In meiner Familie spielt der Sport von je her einen große Rolle. Es gab kaum eine Sportart, die meine Eltern und Geschwister nicht probiert hätten. Fahrrad fahren, Ski laufen oder schwimmen standen allerdings ganz oben an. Mein Bruder und mein Vater nahmen mich oft mit zum Fußball und während die Jungen Fußball spielten, machte eine Trainerin mit den Mädchen Gymnastik. Das war mir schnell zu langweilig. Eines Tages kamen Leute von einem Handballverein in unsere Schule und ich bin einfach mal hingegangen. Ich hatte dann schnell Erfolgserlebnisse und so bin ich dabei geblieben.
 
125 Länderspiele in der tschechischen Nationalmannschaft, Dein letztes Länderspiel liegt weit zurück.
Das war wohl gegen Schweden, 2009. Ich war immer Stammspielerin, hatte genügend Einsatzzeiten und war auch erfolgreich. Aber das Verhältnis zum Trainer war nicht positiv. Viele aus meiner Generation hatten Probleme mit ihm, weil man spürte, dass er einen Verjüngungsprozess erzwingen wollte und sich dabei nicht gerade fair verhielt. Meiner Meinung nach, spielte für ihn eine gesunde Altersstruktur, die auch auf die Erfahrung der älteren Spielerinnen baut, keine Rolle. So habe ich die Motivation verloren und dann auch keine Einladung mehr erhalten. Ich muss aber auch sagen – er hat sein Konzept nicht erfolgreich umsetzen können und ist heute nicht mehr in dieser Funktion tätig.
 
Drei Jahre hast Du in Elda gespielt. Wie siehst Du heute Deine Zeit in Spanien?
Die zwei Jahre in Spanien waren eine sehr schöne Zeit für mich. Es hat mich gereizt auf hohem Niveau zu spielen, wir waren mit Elda in der Champions-League. Das Land und die Menschen haben mir von Anfang an gefallen. Das Leben dort ist schön – es geht ruhig zu, ist cool und meist ist Party angesagt. Das Meer und die spanische Küche sind für mich tolle Erinnerungen. Trotzdem wäre ein Leben dort keine dauerhafte Alternative – ich brauche den Kontakt zu meiner Familie und der war bei zweimal Heimreise pro Jahr doch sehr eingeschränkt. Das war in den letzten vier Jahren hier in Deutschland viel einfacher. Ich kann sagen, dass ich im Durchschnitt so alle drei Wochen zuhause sein konnte. 3 ½ Stunden mit dem Auto bis Prag – das war ok.
 
Wie schaffst Du es, die beruflichen Anforderungen als Physiotherapeutin und die hohe Belastung in der Bundesliga zu bewältigen?
Anfangs war das für mich sehr schwer. Meine Deutschkenntnisse waren, anders als bei Fabi (Lucie Fabikovà) „bei Null” – habe in der Schule nur Russisch und Englisch, später Latein gelernt und hatte natürlich große Probleme mit den vielen medizinischen Fachbegriffen. Das war nicht nur ein Problem für mich – mehr noch für die Mitarbeiter. Der Sprachkurs an der Uni hat mir dann sehr geholfen – da wir nur zu zweit im Kurs waren, konnte sich keiner von uns verstecken oder die Hausaufgaben nicht machen. Die Belastung kann ich schon bewältigen, da ich hier in der Reha-Abteilung am Urbicher Kreuz keine Vollzeitstelle habe. Die Arbeit macht mir viel Spaß und ich empfinde sie als eine gute Abwechslung zum Training. In Spanien war das anders. Dort konnte man nicht arbeiten. Wir haben zweimal vormittags trainiert, waren häufig zu den Spielen zehn Stunden im Bus unterwegs – dazu kamen dann noch die Champions-League-Spiele.
 
Du arbeitest gern in der Reha. Wie oft warst Du selbst bisher verletzt?
Ich habe öfter mal kleinere Verletzungen gehabt, die waren aber meist schnell wieder auskuriert. Eine kleine Erkältung hat mich nie vom Spiel abgehalten. Aber bis zu dieser Verletzung im PlayOff war nie etwas Ernsthaftes dabei.
 
Welche Musik hörst Du am liebsten?
Ich habe zurzeit noch oft Schmerzen und kann mich schlecht konzentrieren. Weder auf das Lesen noch auf die Musik. Eine wirkliche Lieblingsrichtung, -sänger oder -gruppe habe ich auch nicht. Was ich gern höre, hängt bei mir sehr von der gerade vorhandenen Stimmung ab. Wenn ich glücklich bin, dann brauche ich etwas Dynamisches, stark Rhythmisches. Dabei können es auch gerne ältere Titel sein, auch aus den 70er oder 80ern.
 
Was liest Du gern?
Ich habe in den letzten Monaten fast nur deutsche Bücher gelesen. Sehr gut gefällt mir gerade das Buch „Hinter goldenen Gittern” von Choga Regina Egbeme, das das Leben eines in einem Harem geborenen Mädchens beschreibt. Ich werde sicher die beiden anderen Bände der Triologie auch noch lesen.
 
Welche Sportarten interessieren Dich neben dem Handball besonders?
Anschauen kann ich mir fast jede Sportart gern. Aber wenn ich selbst aktiv werde, dann liebe ich am meisten das Ski laufen – egal ob Langlauf oder auch alpin. Beides kann ich in meiner Heimat gut ausüben, auch wenn wir keine Alpengletscher haben.
 
Welche Pläne hast Du für die nächste Zeit?
Dazu kann ich momentan nur sehr ungenau antworten. Viel hängt vom Heilungsprozess meiner Verletzung ab. Ich hätte mir schon gewünscht, ein paar Minuten im deutschen Finale spielen zu können. Das hat ja leider nicht geklappt. Auch wenn es vielleicht wie ein Vorwurf klingt, ich fühle mich jetzt nicht wie ein Teil der Mannschaft. Es fällt mir schon sehr schwer, untätig am Rand zu sitzen – auch wenn wir gewinnen und die Mädchen mir zuwinken. Ich hatte mir mein letztes Jahr beim THC schon noch anders vorgestellt – wollte gern mehr zeigen und für die Mannschaft einbringen.
 
Wird es vielleicht eine Trainerin Knytlova geben?
Eine Trainerlaufbahn wird es für mich auf jeden Fall nicht geben. Wenn ich mal nicht mehr aktiv spielen werde, dann habe ich noch viele Ideen zu verwirklichen, für die bisher einfach keine Zeit war.
 
Am Samstag ging für viele Thüringer Fans und auch manche Spielerin ein Traum in Erfüllung. Der Meisterpokal bleibt in Thüringen. Man konnte Dich seit längerem wieder lächeln sehen. War das ein bisschen „Balsam für die Seele”?
Es war schon schwer für mich, nicht spielen zu können. Aber dann habe ich die vielen Fans gesehen, die mir sehr viel bedeuten. Das hat meine Stimmung sehr verbessert und ich konnte auch mit Freude die Autogramme schreiben. Diese Fans in der Salza-Halle sind etwas ganz Besonderes. Man möchte Sie einfach nicht enttäuschen, auch nicht mit einem traurigen Gesicht. (lacht verschmitzt)
 
Na shledanou! So lautete Deine kurze Ansprache an die Fans bei der offiziellen Verabschiedung. Das bedeutet doch auch bei euch „bis ich wiederkomme” – oder?
Natürlich. Ich gehe nach vier Jahren nicht mit einem traurigen Gefühl aus Thüringen weg. Es war eine interessante Zeit für mich, aber jeder Lebensabschnitt hat nun mal ein Ende. Und für mich beginnt jetzt ein neuer, auf den ich mich sehr freue. Vielleicht komme ich mal wieder nach Thüringen zurück und werde, wenn es passt auch mal in der Salza-Halle vorbeischauen.
 
Das Gespräch führte Roman Knabe
 
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