Mit Schnorren und Hütchen auf Krimisuche


Hildegard Kretschmar geht an den Adventssamstagen wieder mit dem EVAG-Katerexpress auf eine ganz spezielle Miss Marple-Tour durch Erfurt

Miss Marple. Richtig, wird der eine oder andere denken, das war doch diese kleine schrullige alte Dame mit Hütchen. Genau die, die in den 80ern ihre Hoch-Zeit auf den Bildschirmen hatte. Die deutschsprachige Erstausstrahlung der Miss Marple-Fernsehserie erfolgte, man höre und staune, am 22. Juli 1986. Auf DDR1. Im Westen flimmerte sie erst später. Und der Fans dieser Kultfigur gab es nicht gerade wenige. In Ost wie West. Die unkonventionelle Denk- und Herangehensweise der Seniorin, gespielt von Margaret Rutherford, an kompliziert wirkende Kriminalfälle, sie hatte viele Fans. Auch wenn die Filme seinerzeit noch in schwarz-weiß ausgestrahlt wurden.

Das Vorbild der liebenswürdigen Miss Marple hat auch in Erfurt Spuren hinterlassen. Mitunter sieht man eine ältere Dame durch die Altstadt gehen, die vom Äußerlichen her ziemlich viel Ähnlichkeit mit der von Agatha Christie geschaffenen Filmfigur hat. Hildegard Kretschmar hat genau hingeschaut. Denn das Outfit ist für die 73-Jährige die Arbeitskleidung. Als Miss Marple ist sie seit 13 Jahren mit dem Katerexpress der Erfurter Verkehrsbetriebe AG – einem Straßenbahnzug G4 noch aus dem VEB Waggonbau Gotha – unterwegs, um die Einheimischen und ihre Gäste mit Schnorren und Anekdoten aller Art zu unterhalten. Im Dezember geht sie wieder mit dem EVAG-Katerexpress auf ihre spezielle „Miss Marple-Tour“ durch Erfurt.

Hildegard Kretschmar ist vor 55 Jahren aus MeckPomm nach Erfurt ausgewandert. Ihren Abschluss als Deutsch-Kunst-Erzieherin hat sie hier gemacht. Und ihr Herz zeitig nicht nur an Erfurt verloren. Im Studium hat sie sich in die Altstadt gesetzt und gemalt. 1986 ließ sie sich zur Stadtführerin ausbilden. Das alles hat eine besondere Beziehung zwischen ihr und dieser Stadt wachsen lassen. „Erfurt ist meine große Liebe“, sagt sie unumwunden. Die Stadt kenne sie wie ihre Westentasche. Aber es gebe hier immer noch jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Vor 13 Jahren kam dann von den Stadtwerken die Anfrage, ob sie denn den Katerexpress mit ihrem reichen Geschichtswissen begleiten könnte. Keine Frage, sie hat sofort zugesagt. Wer würde sich so etwas auch entgehen lassen: mit einer alten, zum fahrenden Restaurant umgebauten Straßenbahn, herumgondeln, Schnorren und Schnärzchen auf kurzweilige Art und Weise zum Besten geben und dabei noch etwas kulinarisch verwöhnt zu werden.

Die „Miss Marple-Tour“, eine von mehreren Thementouren mit dem Katerexpress, hat dabei ein Alleinstellungsmerkmal. Erfurt aus Sicht des Verruchten, Verdorbenen, aus Sicht von Kriminalfällen und anderen Moritaten. Genau das Ding von Hildegard Kretschmar, der Agatha-Christie-Liebhaberin. Denn sie sitzt, wenn man so will, an der Quelle. Ihr Mann ist langjähriger Kriminalist. Und da bekommt man schon hie und da so seine Tipps. Das Gros der Erfurter Kriminalfälle hat sich die 73-Jährige aber über Jahre hinweg angelesen. In der Literatur, in der Zeitung. Und alles gesammelt. Zu Hause bei ihr stehen ganze Ordnerreihen. Voll mit Moritaten, die sich hier abgespielt haben. Und bei so manchem Stichwort wird nicht nur der Erfurter hellhörig.

Wenn Hildegard Kretschmar auf ihre „Miss Marple-Tour“ geht, steht sie im passenden Outfit symbolisch am Steuer in der alten Bimmel. Und erzählt. Ihr Repertoire reicht dabei von mittelalterlichen Hinrichtungen, über einen gewissen Harry Domela, der sorgte 1926 als „falscher Prinz“ Wilhelm von Preußen für die spektakulärste Hochstapelei neben dem Hauptmann von Köpenick, bis zum neuzeitlichen Sparkassen-Überfall. Bei Papenbreer auf dem Anger erzählt sie vom Peugeot-Mörder, der hier mal gearbeitet hat, bevor er wegen eines Autos zum Täter wurde. Denn da, wo das Modehaus heute residiert, war zu DDR-Zeiten die Broilerbar, wo jener Bernd Gißke (er starb im Dezember 2021 auf Mauritius), eine Rotlicht-Größe nach der Wiedervereinigung, als Kellner arbeitete. Am Domplatz fällt ihr natürlich sofort ein, dass es hier dereinst einen Hinrichtungsplatz für Gelichter aller Art gab. Mit der Spätfolge, dass zu den Domstufen-Festspielen direkt auf den Stufen kein Mord passieren darf. Wenn es, wie zum Beispiel bei „Carmen“ aber dennoch sein musste, dann ist extra ein Podest zu errichten, auf dem gemordet werden darf. Wille des Bischofs. Und das 1991 bis heute Unbekannte den Cranach-Hochaltar im Dom schändeten und Figuren abschlugen, deren Verbleib bis heute unklar ist, auch das erzählt Hildegard Kretschmar.

Ja, und da wäre noch die Geschichte mit dem hingerichteten Oberbürgermeister Heinrich Kellner. Ein warnendes Menetekel für die Neuzeit. Dieser Heinrich Kellner bezahlte 1510 seinen Versuch, mittels Finanztrickserei die Stadtschulden loszuwerden, mit dem Leben. Er wurde gehängt. Das gelang aber erst im dritten Anlauf. Und der Leichnam wurde dann in einem Holzfass in der Gera versenkt. Dort fraßen ihn die Krebse, die später in den Kochtöpfen der Bürgerschaft landeten. Was den Erfurtern auch schonmal den Beinamen „Krebsfresser“ einbrachte.

All das und noch viel mehr hat Hildegard Kretschmar parat, wenn sie sich mit ihren Gästen jeweils um 19 Uhr an den Adventssamstagen vom Domplatz aus auf die „Miss Marple-Tour“ im EVAG-Katerexpress macht. Den Umständen entsprechend mit FFP2-Maske. Tickets gibt es im EVAG-Mobilitätszentrum am Anger und in den Verkaufsstellen des Ticketshops Thüringen. Genaue Infos unter: www.evag-erfurt.de/katerexpress.

Fotos: Steve Bauerschmidt

Text: Michael Keller



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