Dr. Isabella Schwaderer

In Zeiten von „Social Distancing“ gehört auch er zu den Vergnügungen, auf die wir vielerorts verzichten müssen: der Tanz. Egal ob im Club, auf einem Konzert oder als rituelle Praxis, etwa bei Hochzeiten – dem Tanz kommt eine enorme gesellschaftliche Bedeutung zu. Auch die Religion nutzt diese Kulturpraktik, um Gläubigen die Präsenz des Göttlichen näherzubringen. Woher diese Tradition stammt und wie sie in verschiedenen Glaubensgemeinschaften umgesetzt wird, das hat „WortMelder“ bei Dr. Isabella Schwaderer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Allgemeine Religionswissenschaft, zum heutigen „Welttag des Tanzes“ nachgefragt…

„Einer mythischen Erzählung bei Platon zufolge soll Dionysos von seiner Stiefmutter Hera seines Verstandes beraubt worden sein. In diesem Zustand habe er den Menschen die Ausgelassenheit der bacchischen Feste, alle wilden Tänze und dazu den Wein geschenkt. Somit galten Tanz und Feste bereits in der Antike als göttlich und auch als heilsam. Wie eine Amme den unruhigen Säugling durch Schaukeln und das Summen von Liedern zum Schlafen bringe, so Platon, so vollführten die Begleiterinnen des Dionysos ihre frenetischen Tänze und ließen sich dadurch beruhigen. Hier wird in gleichsam ‚homöopathischer‘ Weise die innere Erregung durch eine von außen wirkende Bewegung neutralisiert, der inneren Frieden wiederhergestellt.

Das Ziel der inneren Ausgeglichenheit im Einklang mit der Harmonie der göttlichen Sphäre war auch dem Christentum nicht fremd und, entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil, lehnte die frühe Kirche den Tanz als religiöse Praxis nicht grundsätzlich ab, im Gegenteil: Der kosmische Tanz fand seine Entsprechung im Engelschor und es entstand das Bild, dass die Kirche selbst ein spiritueller Reigen um den Höchsten sei. Dennoch war der Tanz, insbesondere, wenn er dem rein körperlichen Vergnügen galt, immer umstritten.

In den Fokus des gesellschaftlichen Interesses trat die religiöse Dimension der ekstatischen körperlichen Bewegung in den Auseinandersetzungen um die sich allmählich ausdifferenzierenden Bereiche des Religiösen und des Säkularen in der Moderne. Der Ausdruckstanz eroberte als neue performative Kunstform die Bühnen des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts; und der expressive Charakter des Bühnengeschehens wurde in der Kritik in auffallender Weise mit religiösem Vokabular beschrieben, das die geteilte ästhetische Erfahrung des Theatererlebnisses herausstellte. Der ekstatische Körper wurde dabei zum Modell einer synästhetischen Kommunikation, die Resonanzen herstellt, wie sie in den dionysischen Kulten der Antike wie auch in sogenannten ‚primitiven‘ Kulturen als gemeinschaftsstiftend angesehen wurde.

Heute, nach den traumatischen Erfahrungen mit den Massenphänomenen der Moderne, ist der Tanz als Kulturtechnik, mittels derer die Grenzen der vereinbarten rationalen Nüchternheit überschritten werden können, auf den privaten Raum und eng eingezäunte ‚Spielplätze‘ von Festivals, Rockkonzerten und ähnliche, den Alltag unterbrechende, Veranstaltungen begrenzt. In jüngster Zeit beschränken diese sich sogar auf das eigene Wohnzimmer in der häuslichen Isolation, in der die Verbindung zu anderen Tänzer*innen allein virtuell auf dem Bildschirm gespiegelt und verstärkt wird.

Behalten hat der Tanz jedoch sein gemeinschaftsstiftendes Element und er dient als Schlüssel zum Erleben, dem leiblichen Prozess der Weltverarbeitung durch affektive und intensive Aneignung. Anders gesagt, können die Bewegungen des Körpers als nichtsprachliches Kommunikationsmedium durch ein Sich-ergreifen-lassen auch die Präsenz des Göttlichen ermöglichen.“

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Quelle: https://aktuell.uni-erfurt.de/2020/04/29/nachgefragt-welche-bedeutung-hat-der-tanz-als-religioese-praxis-frau-dr-schwaderer/