Licht aus, Klimaschutz an

Es ist ja nichts passiert

6. Juli 2026
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Seit April entdeckt Lena Schätte, Erfurts diesjährige Stadtschreiberin, die Stadt. Hier im Tagebuch lässt sie alle Interessierten an ihren Eindrücken teilhaben.

Krämerbrückenfest. Ich öffne die Haustür meiner Altstadtunterkunft, will nach draußen, ein paar Dinge im Supermarkt um die Ecke kaufen. Zwei Männer sitzen auf der engen Stufe vor der Tür. Es dauert eine Weile, bis sie aufstehen, um mich durchzulassen. Sie reden auf mich ein, einer deutet auf die Tattoos in meinem Dekolleté, der andere lacht. Ich steige über die Stufe, ziehe die Haustür fest zu und gehe los, bloß weg. Ich stecke mir die Kopfhörer in die Ohren, auf denen noch ein Hörbuch läuft.

Als ich einige Meter entfernt bin, höre ich dumpf, dass sie mir etwas hinterherbrüllen. Ich verstehe nicht, was sie sagen, aber ich sehe die Gesichter der Passanten. Alle frieren in ihrer Bewegung ein, drehen sich zu mir um. Eine Frau schüttelt angewidert den Kopf, eine andere zieht ihr Kind zu sich. Meine Schritte werden schneller. Nur weg.

Ein anderer Mann auf seinem Fahrrad fährt langsam neben mir her. Er bietet mir an, noch einmal zurück zu den Männern zu fahren und ihnen klarzumachen, dass das nicht in Ordnung ist. Wie es mir gehe, ob ich sonst Unterstützung bräuchte. „Nein, alles gut“, stammle ich nur und wimmle ihn ab. Ich habe noch gar nicht begriffen, was gerade passiert ist.

Schließlich stehe ich lange im Eingangsbereich des Supermarktes, zwischen Rosen und Zierkraut. Ich muss gleich dorthin zurück. Was, wenn die noch da sind? Ich lege mir einen Plan zurecht: Jemanden ansprechen, der mich bis zur Tür begleitet und wartet, bis ich sie hinter mir ins Schloss gezogen habe. Ich übe in Gedanken kurz meine feste Stimme. Die habe ich doch – wo ist sie plötzlich? Vielleicht einfach irgendwo ins Café setzen und warten; die halten es da draußen in der Hitze auch nicht ewig aus. Nein. Die Hälfte des Einkaufs vergesse ich.

Als ich wieder an der Wohnung ankomme, atme ich auf. Die Männer sind nicht mehr da, nur noch die Flaschen, aus denen sie getrunken haben, stehen auf der Stufe. Den Rest des Tages liegt alles wie ein Schleier über mir, nicht nur, weil mir die Hälfte aller Zutaten fürs Kochen fehlt. Es ist ja nicht wirklich etwas passiert, sage ich mir. Schäme mich, dass es mir den Tag versaut. Der Moment, wenn aus einem sicheren Raum ein unsicherer wird.

Kein Erfurt-Erlebnis, sondern eines, das ständig überall geschieht. Danke an den Fahrradfahrer.

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Erfurt fotografiert

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