Der Kripo-Mann und die gestohlenen Gemälde


43 Jahre lang hat Kurt Basler auf diesen Moment gewartet.
Nun sitzt er – hochbetagt und für die Reise nach Gotha auf einen Rollstuhl angewiesen – den so lange verloren geglaubten Meisterwerken gegenüber. Fast ehrfürchtig erhebt sich der heute 91-Jährige, betrachtet die Gemälde lange. Es ist eine Form der Annäherung, so wie er sie sich 1979 bestimmt nicht vorgestellt hatte

Nur Stunden nach dem Verschwinden der millionenschweren Kunst in der Nacht zum 14. Dezember 1979 war Kurt Basler Teil des Polizeiteams, das den Einbruch aufklären und die gestohlene Kunst wiederbeschaffen sollte. Fünf Gemälde im damals unglaublichen Wert von bis zu 5 Millionen Mark der DDR waren aus einem Saal im Herzoglichen Museum Gotha gestohlen worden. Der oder die Täter stiegen mit selbst gefertigten Steigeisen an einem Blitzableiter hinauf, ritzten eine ungesicherte Fensterscheibe an, überklebten sie mit einem Klebestreifen und schlugen das Fenster ein. Anschließend rissen sie scheinbar wahllos fünf Bilder von der Wand und verschwanden im Dunkel der Nacht. Sofort, so erinnert sich Kurt Basler, seien Ermittlungsgruppen gebildet worden. „Es gab die Untersuchungsgruppe für die Tatortarbeit, eine Fahndungsgruppe, eine operative Einsatzgruppe, die sofort auf Hinweise reagieren konnte, und eine Vernehmergruppe, die sich zunächst auf die Wachmannschaft im Schlossmuseum konzentrierte.“ Daneben schwärmten Kollegen zum Klinkenputzen aus – und bald schon gab es eine erste, vielversprechende Spur. Vier Zeugen hatten in der fraglichen Nacht in der benachbarten Lindenau-Allee einen Pkw P70 mit blauer oder grüner Lackierung stehen sehen. Selbst ein entscheidender Teil des Nummernschilds war bekannt: Das trug an einer ganz bestimmten Stelle den Buchstaben „O“, der ihn als ein im Bezirk Suhl zugelassenes Fahrzeug kennzeichnete. „Es war eine dilettantische Polizeiarbeit. Wir hätten den Täter schon spätestens Mitte der 80er-Jahre haben müssen“, sagt Basler. Denn der P70 – produziert zwischen 1955 und 1959 – war in der DDR alles andere als ein Allerweltsauto. Nur ganze 288 Fahrzeuge dieses Typs waren im Bezirk Suhl zugelassen. Doch noch drei Monate nach dem Diebstahl hatten die Suhler Kollegen erst 121 Fahrzeuge überprüft. „In einzelnen Fällen wurden die Halter sogar nur telefonisch befragt, wo denn der Wagen in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember gewesen wäre“, berichtet Kurt Basler.

Kommissar Kurt Basler

Der Diebstahl hätte aufgeklärt werden können
Basler: „Ja, wie will man denn da zu Ergebnissen kommen?“ Und so fuhr ausgerechnet der P70 aus der Tatnacht unter dem Radar der Kripo-Kollegen in Suhl unbehelligt weiter. Der Fahrer, ein polizeibekannter Kleinkrimineller, hatte den Wagen seines Vaters oft benutzt, wahrscheinlich auch in jener Nacht.

Richtig losgelassen hat den Kripo-Mann der Fall nie. Immer wieder hat er in den vergangenen Jahren daran gedacht, wo die Bilder denn nun seien, wer die Täter waren. Besonders während der vergangenen zwei Jahre – nach dem Tod seiner Ehefrau Margarete – war Basler in seiner Wohnung im Erfurter Norden oft allein mit sich und den Erinnerungen an seine alten Fälle. „An diese Lösung des Falles, wie sie nun vorliegt, hätte ich niemals gedacht“, sagt er. Er ging all die Jahre von einem Auftragsdiebstahl aus, begangen vermutlich von mehreren Tätern, die wahrscheinlich noch in der Nacht des Diebstahls die millionenschwere Kunst in den Westen geschafft hatten. Dazu trug sicherlich auch eine erste Analyse des Stahls bei, aus dem die Steigeisen geschmiedet waren. Diese Legierung komme aus dem Westen, hieß es bald. „Nach Monaten stellte sich dann heraus, dass in Trusetal und Schmalkalden genau so ein Stahl produziert wurde“, erinnert sich Basler. Beide Orte lagen im Bezirk Suhl.
Und im VEB Werkzeugkombinat Schmalkalden hatte der Täter jahrelang gearbeitet.

Basler, damals Hauptmann der Volkspolizei bei der Kripo in Gotha, hatte in seiner Funktion keine Chance, den Täter zu finden. Ihm kam bei den Ermittlungen die Rolle des sogenannten Auswerters zu. Das sind jene Beamte, die sich alle Berichte der Kollegen vorlegen lassen, zusammenführen und nach neuen Möglichkeiten und Ansätzen für die Ermittlungsarbeit suchen. Über seinen Vorgesetzten, den Leiter Kriminalpolizei der Bezirksdirektion der Volkspolizei, ließen er und seine Kollegen dem damaligen Minister des Inneren, Friedrich Dickel, sogar eine Beschwerde zukommen, die Suhler Kollegen sollten beispielsweise dem Hinweis auf das Fahrzeug endlich ernsthaft nachgehen. „Wären beide Spuren, Wagen und Steigeisen, weiter verfolgt worden, hätte der Diebstahl noch 1980 geklärt werden können“, sagt Basler. So aber blieb der Täter unentdeckt – und das, obwohl er sogar Fingerabdrücke auf dem eingeschlagenen Fenster hinterlassen hat. Und gerade diese Fingerabdrücke hätten den Ermittlern 1985 den Täter auf dem Silbertablett servieren können. Offiziell waren die letzten Beamten im August 1980 von dem Fall abgezogen worden – nur noch die Staatssicherheit sollte dem Phantom aus dem Westen bis zur Wende nachjagen. Doch 1985 ließ sich der Täter bei einer versuchten Republikflucht erwischen. „In diesen Fällen wurden Fingerabdrücke genommen und sie sollten mit allen unbekannten Fingerabdrücken in den DDR-Datenbanken abgeglichen werden“, sagt Basler. Doch genau das passierte nicht – und so verstrich eine weitere Chance zur Lösung des Falles. Denn noch waren die Bilder in der DDR, lagerten auf dem Dachboden des Elternhauses des Täters, haben die Kinder des späteren Käufers im Westen vor einem Jahr zu Protokoll gegeben. Erst Ende der 1980er-Jahre wurden sie dann aus der DDR geschmuggelt.

Nun sind fünf Meisterwerke also trotzdem zurück in Gotha. Sie wurden vor etwas mehr als einem Jahr dem Museum zum Kauf angeboten und schließlich beschlagnahmt. Was für den Ermittler Basler vom
Fall seines Lebens bleibt, ist ein Gefühl irgendwo zwischen Erleichterung, Freude, Dankbarkeit – und Ernüchterung: „Jetzt sind die Gemälde also wieder da, wo sie hingehören. Ich freue mich darüber“, sagt er.



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