„Ihnen sollte ich mal meine Lebensgeschichte erzählen, da hätten Sie Stoff zum Schreiben, sowas haben Sie noch nie gehört!“ – diesen oder ganz ähnliche Sätze hören Schriftsteller jeden Tag, gleich nach „Kann man denn davon leben?“ und „Ist das alles autobiografisch?“. Und manchmal ist was dran: Das Leben schreibt die besten Geschichten, es übertreibt auf fast cineastische Weise und legt noch dramatische Musik drunter.
Ich treffe B. in der Women-in-the-Dark-Ausstellung am Fischmarkt. Wir kommen ins Gespräch, weil uns beiden die Tränen in den Augen stehen, wir lächerlich angespannt versuchen, uns zusammenzureißen, bis unsere Blicke sich treffen und alle Dämme reißen. Dann sagt sie nach langem Gespräch eben jenen Satz und fragt, ob ich sie nicht mal zu Hause besuchen mag. „Nur wenn ich danach drüber schreiben darf“, sage ich. Sie nickt und schreibt mir ihre Adresse auf.
Ihr Haus ist klein, es kleben noch weiße Hundehaare auf den Teppichen, obwohl der Husky schon ein halbes Jahr tot ist. B. raucht in allen Zimmern, ist schnell und klug, ein wenig grummelig, bis sie über sich selbst lacht, mit schönen Zähnen, und jede ihrer Anekdoten endet mit einem Schnauben und einem „Das hätt’ mer eher gewusst!“. Wir sitzen an ihrem verkratzten Esstisch und sie erzählt mir von ihrer Schulzeit, ihrer ersten Liebe und ihrer zweiten Scheidung. Davon, dass sie an dem Tag, als die Mauer fiel, mit Blinddarm im Krankenhaus lag. Wie traurig sie war, als Lady Di gestorben ist, von ihren Kindern und ihrer ersten Kreuzfahrt. Sie zeigt mir ein Sternchentattoo auf ihrem Handgelenk und dann gehen wir in ihren Garten. Sie führt mich von Beet zu Beet, erzählt, was da wachsen wird, ganz bald, wenn das Wetter besser wird. Ob das nicht viel Arbeit ist, frage ich. „Von nix kommt nix!“, lacht sie und streichelt eine fremde Katze, die ständig über ihr Grundstück streunert.
Als ich zurück in meine Wohnung in der Altstadt fahre, habe ich kein einziges Wort in mein Notizbuch geschrieben. Wahrscheinlich werde ich nie über B. schreiben, außer hier, in dieser Kolumne.
Manchmal kommt es nicht auf die Geschichte an, sondern darauf, wie man sie erzählt.
