Seltener Einblick in die Defensionskaserne

Nur für diesen einen Tag kann der Verein die großen Türen des langgestreckten Gebäudes auf der Bastion Leonhard öffnen: “Morgen müssen wir den Schlüssel wieder abgeben”, sagt Rosmarie Weinlich vom Verein bedauernd. Dann müssten neue Gespräche aufgenommen werden. Die Kuratorin der Ausstellung benennt das Anliegen des im September letzten Jahres gegründeten Vereins so: Eine “Kulturkaserne auf dem Bürgerberg” solle die Defensionskaserne werden. Das beinhaltet den Wunsch, den Petersberg insgesamt zu beleben und im Besonderen die Defensionskaserne zu einem lebendigen und dichten Ort von Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft werden zu lassen. Eine Mischung aus Experimentierflächen und Büros für Architekten oder Designer, Atelierräumen und Ausstellungsflächen, aber auch ein Café und Biergarten, Werkstätten und Bühnen stellen sich die 24 Gründungsmitglieder des Vereins vor.

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Zur “Visite”, einem “Hausbesuch in der Defensionskaserne”, lädt der Kulturverein an jenem Samstag und eröffnet mit den Türen eine einmalige Möglichkeit, das Innere des Hauses zu erkunden, wenngleich sich der Zugang auf das Erdgeschoss beschränkt. Die Struktur des Grundrisses ist einfach: Ein breiter Flur zieht sich auf der Länge des Gebäudes entlang. Vom Flur teilen sich 16 große Räume auf der Seite der Hauseingänge ab und Nischen in gleicher Zahl von der anderen Flurseite. Die Nischen liegen zur Rückseite des Gebäudes. Die Gänge sind ungefähr halbhoch ockerfarben oder grau gestrichen und darüber geweißt. Kritzeleien befinden sich zuhauf an den Wänden. Die Farbe blättert und platzt an vielen Stellen von den Wänden und der Decke ab. Ebenso lösen sich in einigen  Bereichen Teile der Tapete.

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Im Flur gehen die Besucher über den nackten Betonboden. Über ihren Köpfen verlaufen mittig unter der Flurdecke sichtbar dicke Rohre. An den Wänden befinden sich noch die nicht mehr funktionsstüchtigen Lichtschalter. Die großen Räume sind vollständig beräumt und überwiegend Durchgangszimmer mit breiten und oben gewölbten Durchgängen ohne Tür. Einige dieser Zimmer sehen verhältnismäßig frisch geweißt aus. Auf Kopfhöhe verläuft ein breiter gelber Farbstreifen. In ihm steht : “Gesund, bequem und entspannt sitzen.” Dies gehört nicht zu den vielen von verschiedenen Künstlern ausgestellten Objekten, sondern ist möglicherweise ein Relikt des in den 1990er Jahren in den Räumen ansässig gewesenen Schulamts.

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Die spannende Erforschung der Räume selber ergänzt sich gelungen mit der Entdeckung der darin ausgestellten Kunst. In einem Toilettenraum ist ein aus Ruß an die Wand geschwärzter alter Mann anzutreffen, der sich hinter den Fliesenresten zu befinden scheint und seinen Arm auf die Kante der oberen Fliesenreihe zu lehnen scheint – dort, wo einst die Pissoirs angebracht waren. Dieses Kunstwerk wird wohl solange in der Defensionskaserne verbleiben, bis eine Entscheidung über ihre Neunutzung gefallen ist. In einer Nische findet sich ein Sessel aus schweinchenrosa Watte. Davor liegt in einem Lichtkegel ein Damenschuh so verloren wie der Aschenputtelschuh.

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Ein großes, an einer runden Platte angebrachtes, Hirschgeweih symbolisiert die Heimat und das Traditionelle gegenüber dem Modernen. In einem Minizimmer, das sich in einem der großen Räume befindet, hat die Künstlerin zur bereits vorhandenen altmodischen Rosentapete des Raumes einige Rosenblüten auf die Fensterbank gelegt und eine rosagrundige Teetasse und ein Weinglas dazu gestellt. Der Besucher schaut durch ein Sichtfenster auf das romantische Arrangement und fragt sich, wer je diese Rosentapete in den Raum gebracht hat. Am Ende des Flurs scheint ein verrückter Yorkshire Terrier nicht aufhören zu wollen zu bellen. Der geifernde Terrier entpuppt sich als Videoinstallation. Eine junge Frau ist zu sehen, die bellt wie ein Hund. Das Ganze läuft in Schleife. Ein großformartiges Bild zeigt das Gesicht einer älteren Frau. Die Grundfarbe ist orange. Das Erstaunliche entdeckt und riecht man nur aus der Nähe: Das Bild besteht aus unzähligen Zigarettenkippen und heißt “Kippenboogie”. Erfurts Kulturdirektor Tobias Knoblich lässt sich von Rosmarie Weinlich durch die Ausstellung führen, und Stadtrat Alexander Thumfart  (Die Grünen) liest zum Thema “Festungen oder die Dynamik des Einigelns”. Thumfart gehört auch zum Vereinsvorstand. Der Tag endet mit einer Kurzfilmwanderung und Musik.

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Die über 160 Meter lange Defensionskaserne gehört zum Bestand der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG). Stark sanierungsbedürftig sei der Bau, doch an den tragenden Teilen seien keine größeren Schäden sichtbar, so die LEG. Anstelle des zerstörten Benediktinerklosters entsteht zwischen 1828 und 1831 die Defensionskaserne. Sie diente der Verteidigung und sollte als Artilleriestellung die Einsicht des oberen Plateaus von Norden her einschränken. Die Defensionskaserne steht mit Ausnahme des Daches unter Denkmalschutz. Einst verfügte die Defensionskaserne anstelle des Daches über eine bombensichere Erdeindeckung. Für die Bundesgartenschau BUGA gibt es Überlegungen, das Dach zu entfernen und stattdessen eine riesige begrünte Dachterrasse entstehen zu lassen. In jedem Fall möchte die Stadt den Petersberg und die Defensionskaserne stark in die BUGA einbeziehen. Frühere Investoren und Interessenten für das Haus wollten ein Kindermuseum oder ein Hotel darin entstehen lassen. Auch das Elektromuseum wünschte sich die Defensionskaserne als Räumlichkeit. Zu DDR-Zeiten wurde die Kaserne unter anderem als Lager genutzt.

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Handyfotos: Suyak