Von Heinz Zufall

Erfurt. Auch diese Straße ist ein Beleg dafür, dass es vermutlich keinen einzigen Straßennamen gibt, welche nach einer Person benannt wurde, an der man nicht auch einen dunklen Fleck in der Biografie entdecken kann. Auch bei der Tettaustraße ist das so.

Benannt wurde sie 1901 nach dem Ehrenbürger der Stadt Erfurt, dem Politiker und Historiker Wilhelm Freiherr von Tettau (1804-1894).  Der entstammte einer uralten Adelsfamilie und war der Sohn des Oberlandesgerichtspräsidenten und Generallandschaftsdirektors Alexander Ernst von Tettau (1776-1831) und dessen Ehefrau, der Freiin Auguste Karoline Franziska von Schleinitz (1784-1848). Nach dem Schulbesuch und dem Besuch des Gymansiums in Marienwerder studierte er in Königsberg, Berlin und Göttingen Jura und Geschichte und nahm dabei auch an Seminaren des Historikers Leopold von Ranke teil. Er wurde an der Universität Halle ehrenhalber zum Dr. phil. promoviert.

Zunächst war er Landrat des Kreises Konitz. 1836 wurde er als Abgeordneter in den Provinziallandtag der Provinz Preußen gewählt. 1837 dann Hilfsarbeiter im Innenministerium, wo er der Entwurf einer Landgemeinde-Ordnung für Schlesien erarbeitete. 1847 wird er von der preußischen Regierung nach Erfurt versetzt und zum Oberregierungsrat und Dirigenten der Abteilung des Innern befördert.  Während der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 war er der Hauptführer der konservativen Partei. Er gründete den “Verein für konstitutionelle Monarchie” und befehligte die militärisch organisierte Bürgerwehr, die sich an der Niederschlagung der Revolution beteiligte. Er war damit mitverantwortlich für die 20 Toten der Revolution in Erfurt. Dennoch gelang es ihm in der Folge, sich von der “bestgehassten Person” zur populärsten Persönlichkeit der Stadt dank seines charismatischen Auftretens und seiner guten Vernetzung zu entwickeln. Er war u.a. Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften (seit 1847), Mitbegründer und erster Vorsitzender des Thüringer Kunstvereins und des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt, Vorsitzender des Erfurter Musikvereins und Mitglied des Gartenbauvereins, des Innungsvereins und des Gewerbevereins.

Tettau veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur Erfurter Geschichte, die wegen ihres Faktenreichtums noch heute von großer Bedeutung sind. 1875 wurde er anlässlich seines 50. Dienstjubiläums unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Ehrenbürger der Stadt Erfurt. Er stirbt hochbetagt im Alter von 90 Jahren in Erfurt.

Die Tettaustraße ist nur einseitig bebaut, denn auf der Ostseite erstreckt sich eine Parkanlage mit einem herrlichen Kinderspielplatz. Diese Anlage zwischen Tettaustraße und Straße des Friedens, verbunden mit der Parkanlage am Benaryplatz bestand schon vor dem Bau des Flutgrabens. Sie ist ein historischer Beleg für den Glacisbereich der äußeren Wallanlage.  Während des Flutgrabenbaus erhöhte man die Parkanlage um zirka 50 cm mit dem Aushub und Flussschlamm aus der Gera. Die baumbestandene Parkanlage ist eines der wenigen noch vollständig erhaltenen Teilstücke der ehemaligen Wallanlagen. Dieser Park ist eng mit dem Namen Ernst Benary verbunden, der der Stadt diese Flächen vermachte, verbunden mit der Auflage, sie niemals zu bebauen. Wer weiß, ob die Tettaustraße sonst noch immer nur einseitig bebaut wäre.

In der Tettaustraße stehen überwiegend Villen.  Es gibt eine Ausnahme: die Christuskirche. Die Christuskirche ist die Kirche der Evangelisch-Lutherischen Christus-Kirchengemeinde Erfurt in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), früher Alt-Lutheraner. Sie gehört nicht zum Evangelischen Kirchenkreis Erfurt und damit nicht zur Evangelischen Landeskirche und nicht zur EKD, pflegt aber ökomenische Beziehungen zu ihr.

Ausgehend von den Erfahrungen der Napoleonischen Kriege verfasste König Friedrich-Wilhelm III. am im September 1817 einen Aufruf zur Vereinigung der Lutherischen und Reformierten Kirchen in Preußen. Er und seine Berater hielten die bestehenden Lehrunterschiede für geringfügig.  Dagegen regte sich insbesondere in den Lutherischen Kirchen Widerstand. So bildeten sich unter anderem in Erfurt aus Bekenntnisgründen eigenständige Lutherische Gemeinden. Die sogenannten Altlutheraner hatten in der Folge in Erfurt im Zeitraum 1836-1845 heftige Auseinandersetzung mit dem Staat, in deren Folge 1839 etwa 90 Gemeindemitglieder unter Führung des Pfarrers Grabau nach Amerika auswanderten. Die verbliebenen Gemeindemitglieder wurden über Jahre an der Ausübung ihres Glaubens behindert, obwohl namhafte Persönlichkeiten zu ihr gehörten. Der Mühlenbesitzer Filss, der Kaufmann Jacobskötter und der Bau- und Fuhrunternehmer Rothe seien als Beispiel genannt. Letztgenannter war es auch, der sich als Gönner und Förderer erwies, um einen eigenen Kirchenbau verwirklichen zu können. Er stiftete sowohl das Grundstück als auch drei Glocken. Der Architekt Max Brockert fertigte den Entwurf und in nur zwei Jahren wurde sie 1912/1913 errichtet.

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