Licht aus, Klimaschutz an

Ausgestempelt & geblieben

22. Juni 2026
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Seit April entdeckt Lena Schätte, Erfurts diesjährige Stadtschreiberin, die Stadt. Hier im Tagebuch lässt sie alle Interessierten an ihren Eindrücken teilhaben.

Bevor ich Schriftstellerin wurde, war ich Krankenschwester. Die ersten Jahre während meiner Pflegeausbildung schrieb ich kein einziges Wort, weil das Arbeiten, der Schichtdienst und die Nähe zu all diesen fremden Menschen und ihren Geschichten meine ganze Kapazität brauchten. Am Ende des Tages waren all meine Worte restlos aufgebraucht. Alle sechs Wochen wechselte ich den Fachbereich, so das Konzept meiner Pflegeschule. Ich klebte Pflaster auf chirurgischen Stationen, hielt Menschen im Hospiz die Hand, wusch Komapatienten auf der Intensivstation, schnaufte im Kreißsaal mit und sang in der Tagespflege mit Menschen, die an Demenz erkrankt waren.

Von all diesen Begegnungen sind mir vor allem die pflegenden Angehörigen geblieben, die ich im ambulanten Dienst besuchte. Ich stempelte abends aus und fuhr nach Hause, die Angehörigen blieben. Ich sah Wohnzimmer, aus denen Sofas verschwunden waren, um Platz für ein Pflegebett zu schaffen. Küchenzeilen voller Medikamente und Hilfsmittel. Schnabeltassen statt Porzellantassen. Ich hörte von Berufen, die aufgegeben wurden. Von Plänen, die sich von einem Tag auf den anderen erledigt hatten. Ging ich nach getaner Arbeit, begleiteten sie mich noch zur Tür, mit müden Augen. Die Pflege schien sich in ihre Körper einzuschreiben – in ihre Rücken, ihre Gesichter, ihre Geduld. Ich erinnere mich an die abgeschabte Tapete in einem zu schmalen Flur, verursacht von den Rädern eines Rollstuhls. Und ich erinnere mich an: „Ich würde einfach gern mal wieder in den Urlaub fahren. Nur eine Woche an der Ostsee liegen, aufs Wasser schauen und kein Monitorpiepsen in der Nacht.“

In Deutschland leben heute 5,7 Millionen pflegebedürftige Menschen, die meisten werden zu Hause versorgt. Hinter dieser Zahl stehen Angehörige, die ihre Zeit, ihre Kraft und oft auch ihre eigene Gesundheit einsetzen, damit Pflege überhaupt möglich ist. Wer Entlastung für pflegende Angehörige als verzichtbaren Luxus betrachtet, denkt vermutlich, dass Pflege immer etwas ist, das anderen passiert. Die Wahrheit ist: Sie kann jeden von uns treffen. Und wenn sie kommt, werden wir froh sein über jeden Menschen, der geblieben ist.

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