Frühlingslese mit Ulrich Wickert: Fast wahre Geschichten

 

„Einen schönen guten Abend.“ Seine Begrüßungsworte im Kaisersaal klingen wie ehedem bei den Tagesthemen. Jetzt ist Ulrich Wickert als Krimi-Autor unterwegs. Sein fünftes Buch mit Untersuchungsrichter Jaques Ricou ist gerade erschienen. „Bleib mit deinem Ermittler bei der Wirklichkeit. Such nach Dingen, die du zu einem Krimi zusammenfummeln kannst“, erklärt er seinem  Publikum. 

Seit 2003 hält er das so, als er seinem Erstling „Der Richter aus Paris“ den programmatischen Untertitel gibt: „Eine fast wahre Geschichte“. Auch der aktuelle Fall hat deutliche Bezüge zur Wirklichkeit.

Da ist zum einen ein schrecklicher Vierfach-Mord. Ein Radfahrer wird in einem Wald bei Paris erschossen, in einem Auto dicht dabei liegen noch drei tote Menschen. Als die Ermittler nach Stunden den Tatort verlassen wollen, kriecht plötzlich ein kleines Mädchen aus ihrem Versteck unter der Rückbank hervor.

So etwas Ähnliches ist passiert. Im September 2012 werden ein britisches Ehepaar und die Mutter der Frau auf einem Parkplatz in den Alpen erschossen. Ein vermutlich zufällig vorbeikommender Radfahrer wird Opfer des bis heute unbekannten Killers. Nur die beiden kleinen Kinder überleben. Erst Ende Februar verhaftet die Polizei einen Ex-Kollegen. Doch auch diese Spur führt ins Leere.

Zum anderen bedient sich Ulrich Wickert beim Personal der französischen Elite. In seinem Bucht trifft der Leser Politiker, deren Geliebte, Angehörige des „Bling-Bling“, macht Bekanntschaft mit der Hochfinanz wie der Halbwelt. Es ist ein besonderer Scherz, dass – im echten Leben – die frühere Lebensgefährtin des Präsidenten just am Tag der Lesung in die neue Regierung ihres Ex eintritt. Beide lassen sich im Roman – natürlich – wiederfinden.

Der Autor ist Journalist aus  Leidenschaft. Das kann sein Text nicht verleugnen. Er ist angereichert mit sehr viel Wissenswertem; ein kleiner Abstecher in die Historie hier, eine Arabeske in die vornehme Gastronomie da. Das ist immer lesenswert, und lehrreich ist es auch. Manchmal tritt die Handlung dafür in den Hintergrund, geht es in Sprüngen voran. So wird der Richter gerade noch in Marokko von der Polizei misshandelt, schon ermittelt und speist er wieder in Paris.

Sowieso ist alles andere in Frankreich. „Leider“, so Ulrich Wickert, „sind die Deutschen auch im Verbrechen nur Mittelmaß.“ Ganz anders ihre Nachbarn. Da geht es folgerichtig auch bei den Ermittlungen richtig zur Sache. Regeln gibt es bestimmt auch, aber: „Der Untersuchungsrichter kann verhaften, wen er will, er kann durchsuchen lassen, was er will. Er ist wie ein kleiner Tyrann im Dienste der Justiz.“

Dazu hat dieser Jaques Ricou Schlag bei den Frauen. Seine Liaison mit Margaux, der gleichsam schönen wie klugen Journalistin, die ihn die ersten vier Abenteuer lang tapfer begleitet, ist zwar „endgültig“ vorbei, doch was soll das schon heißen. Schließlich arbeiten beide ja noch zusammen. Es gilt, einen Vierfachmord aufzuklären.

Ob es gelingt? Ulrich Wickert verrät es seinem Publikum nicht. Aber im Buch ist ja zum Glück alles nachzulesen. So bilden sich nach der Lesung zwei Schlangen. Am Büchertisch die eine, die andere zur Bühne hinauf, wo der Meister freundlich sein Werk signiert.